5 Arten den Frühling in Kassel aus der Perspektive eines Blinden zu erleben

Sonnenschein, blühende Parks, Wiesen und endlich wieder wärmere Temperaturen. Es gibt viele Gründe, weshalb der Frühling für viele Menschen die Lieblingsjahreszeit ist. Als blinder Mensch kann man zwar die blühende Vielfalt nicht mit den eigenen Augen sehen, aber auch ohne Sehsinn gibt es in der Frühlingszeit jede Menge zu entdecken.

5 Gründe, weshalb der Frühling auch meine Lieblingsjahreszeit ist und warum die ersten Sonnenstrahlen in Kassel am schönsten sind, gibt es im folgenden Artikel.

Kassel hat bei vielen den Ruf einer tristen und grauen Stadt aus Beton. Schaut man sich die Innenstadt der nordhessischen Großstadt an, mag dieses Vorurteil noch zutreffend sein. Schaut man sich die documentaStadt aber etwas genauer an, wird man schnell eines besseren belehrt. Deutschlands viertgrünste Stadt zeigt sich vor allem in den Frühjahrsmonaten in ihrer ganzen Pracht und Schönheit. Die 5 Gründe, weshalb ich als Blinder Kassel im Frühling besonders mag sind hier zusammengefasst.

1. Bei einem Spaziergang durch Kassels Park die Sonne auf der Haut spüren

Egal, ob der Bergpark Wilhelmshöhe, die Karlsaue, die Fuldaaue oder einer der anderen vielen Parks; in Kassel hat man als Naturliebhaber die Qual der Wahl für ausgedehnte Spaziergänge.

Während sich sehende Menschen an bunten Blumen erfreuen, können blinde Menschen die Sonnenstrahlen genießen. Zwar sieht ein Blinder die Sonne nicht, jedoch spürt er die guttuende und angenehme Wärme auf der Haut.

Des Weiteren merkt man den Sonnenschein auch an der Luft. Einerseits ist die Luft automatisch wärmer, wenn die Sonne scheint als bei Bewölkung, andererseits riecht es bei Sonnenschein ganz anders. Und nicht zuletzt Sorgen die ersten Sonnenstrahlen in der Regel für gute Laune und Freude bei den meisten Menschen.

Mein persönlicher Tipp: In der Fuldaaue eine Runde um den großen Badesee drehen und dabei bewusst auf die Wärme der Sonne auf der Haut achten.

2. Die Gerüche des Frühlings wahrnehmen und genießen

Der Frühling ist nicht nur die Zeit der bunt blühenden Bäume, Wiesen und Felder, viel mehr ist er auch die Zeit der 1000 Gerüche.

Denn außer dem Geruch der Sonne kann man auch den Geruch der blühenden Pflanzen wahrnehmen.

Besonders gut kann man die Frühlingsdüfte in Kassel auf der Blumeninsel Siebenbergen oder im Rosengarten des Botanischen Gartens erleben. Jedoch erobert der Blütenduft zunehmend die gesamte Stadt, sodass es sogar im Stadtzentrum nach Frühling und Sonnenschein riecht.

Am intensivsten nach Frühling riecht es jedoch trotzdem in den vielen Parks und Grünanlagen. Mein persönlicher Favorit und Geheimtipp für alle Besucher von Kassel ist ein gemütlicher und ausgedehnter Abendspaziergang im Bossentalpark, der sich ganz im Norden der Stadt zwischen den Stadtteilen Fasanenhof und Wolfsanger/Hasenhecke befindet. So nah am Stadtrand ist hier nichts mehr von dem hektischen Großstadtleben zu spüren und man kann ganz unbeschwert in die Natur eintauchen. Der Frühlingsgeruch ist hier besonders am Abend sehr intensiv und wird nicht durch den Geruch von Abgasen oder anderen unangenehmen Gerüchen verfälscht.

Bewaldeter Fußweg im Bossental Park bei Abenddämmerung

3 Die typischen Frühlingsgeräusche wahrnehmen

Zugegeben: Bei diesem Punkt wird es in der City etwas schwierig. Hektische Menschen, Straßenbahnen und der Autoverkehr überlagern die typischen Frühlingsgeräusche.

Aber hast du schon einmal bei einem Spaziergang ganz bewusst auf die Geräusche geachtet? Auf einen singenden Vogel, den Wind, der durch gerade erst gewachsene Blätter von Bäumen und Sträuchern weht oder auf das Summen der verschiedensten Insekten, die sich durch die Lüfte schwingen und im Sonnenschein tanzen?

Der Frühling ist die Zeit des Aufwachens und Aufblühens und dies kann man auch sehr gut an den einzelnen Geräuschen wahrnehmen. Gefühlt singt jeden Tag ein Vogel mehr und lauter, oder das Rauschen des Windes in den Bäumen wird jeden Tag lauter und intensiver, da die Blätter größer werden.

Mein Tipp in Kassel: bei Sonnenaufgang einen Spaziergang durch den Bergpark Wilhelmshöhe, die Karlsaue oder das Naturschutzgebiet Dönche unternehmen und dabei bewusst auf das achten was man hören kann.

Sonne scheint im Bergpark Wilhelmshöhe auf Pflanzen und einen kleinen Wasserfall

4. Durch Kassels Fußgängerzone bummeln und das erste Eis des Jahres essen

Kassels Grünflächen sind wunderschön, jedoch hat die nordhessische Großstadt Einwohnern und Besuchern noch weitaus mehr zu bieten. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Bummel durch Kassels Fußgängerzone? Egal ob man sich mit den neusten Frühjahrstrends eindecken möchte, von Schaufenster zu Schaufenster schlendert oder dem regen und bunten Treiben zuschaut oder zuhört; in der Königsstraße kommt wohl jeder auf seine Kosten.

Die Zentralen Plätze Friedrichsplatz, Opernplatz und Königsplatz Laden anschließend zum verweilen ein. Der Königsplatz ist nicht nur das Zentrum der Fußgängerzone, sondern auch der geographische Mittelpunkt der Stadt Kassel. In den Sommermonaten werden die Wasserspeier, die rund um den Platz vorhanden sind in Betrieb genommen und sorgen so für ein ganz besonderes Flair.

Mein persönlicher Tipp: Bei Sonnenschein ein Eis in einem der vielen Cafés am Friedrichsplatz oder Königsplatz essen und sich im Sommer anschließend von den Wasserspeiern nass-spritzen lassen.

Die Sonne scheint auf den Königsplatz in Kassel.

5. Die Kirschblüte in der Innenstadt bestaunen

In Kassels City lässt sich nicht nur gut shoppen und essen, auch hier kann man sich am Frühling erfreuen. An mehreren Stellen blüht Anfang April die Kirschblüte und sorgt für ein farbenfrohes Klima. Doch nicht nur sehende Menschen kommen hier auf ihre Kosten. Die Kirschblüte kann bei entsprechender Vorsicht auch angefasst werden. So bleibt auch blinden Menschen die recht kurze Blütezeit nicht verborgen.

Mein persönlicher Tipp: Die Pracht der Kirschblüte in der Treppenstraße anfassen und bestaunen, und dabei ein wenig Nachkriegsgeschichte erleben. Die Kasseler Treppenstraße war die erste Fußgängerzone der Bundesrepublik Deutschland.

Bestens genießen kann man den Frühling, wenn man sich auf der Rasenfläche zwischen den Kirschbäumen niederlässt oder das vielfältige Gastronomieangebot in der Treppenstraße wahrnimmt.

Perspektivwechsel wünscht allen Lesern eine wunderschöne Frühlingszeit!

Wie definiert man Blindheit?

Oft werden Begriffe wie blind, sehbehindert oder sehgeschädigt in unserer Alltagssprache beliebig verwendet. Jedoch ist vielen Menschen nicht bewusst, dass es einen Unterschied zwischen Blindheit und Sehbehinderungen gibt. Und überhaupt: ab wann gilt man als blind oder sehbehindert und wie viele blinde Menschen gibt es in Deutschland und weltweit?

Alles, was man über Blindheit und Sehbehinderung wissen muss hat Perspektivwechsel in diesem Beitrag zusammengefasst.

Der Unterschied zwischen Blindheit und Sehbehinderung

In Deutschland unterscheidet man zwischen blinden Menschen und Menschen mit einer Sehbehinderung. Die Einteilung richtet sich nach dem vorhandenen Sehrest, den eine Person noch hat. Die Sehkraft kann durch zwei verschiedene Arten eingeschränkt sein.

Zum einen durch eine Gesichtsfeldeinschränkung:

Dies bedeutet, dass die betroffene Person Teile des Gesichtsfeldes nicht sehen kann und seine Umgebung beispielsweise nur wie durch einen Tunnel wahrnehmen kann.

Zum anderen kann es sein, dass ein Mensch nicht mehr genügend Sehkraft besitzt und dadurch einen Gegenstand erst aus 5 m Entfernung erkennt, den eine sehende Person schon aus 100 m Entfernung erkennen könnte.

Die Sehstärke wird üblicherweise in Prozent angegeben. Eine Sehstärke von 80 % bedeutet, dass ein Mensch einen Gegenstand, den eine sehende Person aus 100 m Entfernung gut erkennen kann, erst bei 80 m Entfernung erkennt oder, dass er nur 80 % des Gesichtfeldes wahrnehmen kann.

Hat ein Mensch auf dem besser sehenden Auge eine Sehstärke von 30%, gilt er als sehbehindert.

Liegt die Sehstärke bei 5% oder weniger spricht man von einer hochgradigen Sehbehinderung.

Als blind gilt man, wenn man nur noch einen Sehrest von 2% oder weniger besitzt.

Zu beachten ist, dass diese Einteilung nur in der Bundesrepublik Deutschland Gültigkeit besitzt. Eine einheitliche internationale Definition von Blindheit oder Sehbehinderung gibt es nicht.

Wie viele Blinde und Sehbehinderte gibt es in Deutschland?

In Deutschland werden Blinde und Sehbehinderte grundsätzlich nicht gezählt. Dies führt dazu, dass sich nur grob vermuten lässt, wie viele blinde oder sehbehinderte Menschen in der Bundesrepublik Deutschland leben.

Die gängigste Schätzung stützt sich im wesentlichen auf Zahlenmaterial aus der DDR. Dort wurden jährlich Menschen, die Blindengeld empfangen haben, gezählt. Personen, die kein Blindengeld bezogen, wurden in dieser Statistik nicht berücksichtigt. Nach der Wiedervereinigung wurden die Zahlen aus der DDR per Dreisatz auf die gesamte Bundesrepublik hochgerechnet und für sehbehinderte einfach davon ausgegangen, dass auf drei blinde Menschen zehn sehbehinderte Menschen kommen.

Somit ging man davon aus, dass im Jahre 1990 in Deutschland circa 150.000 Blinde und etwa 500.000 Menschen mit einer Seebehinderung lebten. Jedoch ist es sehr ungewiss, wie realistisch diese Zahlen sind. Es wäre im Sinne der Inklusion und Teilhabe von Blinden und sehbehinderten Menschen dringend erforderlich, wenn blinde Menschen in Deutschland statistisch erfasst werden würden.

In einigen europäischen Ländern wie Großbritannien, Dänemark oder den Niederlanden werden blinde Menschen jährlich gezählt. Die World Health Organization (WHO) wertete zwischen 1990 und 2002 die Zahlen aus den genannten Ländern aus und stellte fest, dass die Zahl Der Blinden und sehbehinderten Menschen in diesem Zeitraum um 80 % angestiegen ist. Als Gründe hierfür werden vor allem die alternde Bevölkerung verantwortlich gemacht.

Da man für Deutschland mit ähnlichen Werten rechnen muss, ergibt sich, dass 2002 etwa 1,2 Millionen blinde und sehbehinderte Menschen in der Bundesrepublik lebten.

Auch über die Altersstruktur bei blinden und sehbehinderten Menschen in Deutschland lässt sich derzeit nur spekulieren. Hinweise kann man hier bei den Zahlen des bayerischen Zentrum für Familie und Soziales entnehmen, die bis 2014 jährlich genaue Angaben veröffentlichten, wie viele Menschen in Bayern Blindengeld bezogen. Demnach sind etwa zwei Drittel der Blindengeld-Empfänger 65 Jahre oder älter. 42 % haben sogar schon das 80. Lebensjahr überschritten. Etwa 58 % der Blindengeld-Empfänger sind weiblich, und nur 42 % männlichen Geschlechts. Dies ist keineswegs darauf zurückzuführen, dass Frauen grundsätzlich häufiger erblinden als Männer. Vielmehr hat es damit zu tun, dass es generell in der Bevölkerungsgruppe, die 65 oder älter ist, mehr Frauen als Männer gibt.

Blindheit weltweit

Wie viele blinde und sehbehinderte Menschen es weltweit gibt, lässt sich nicht wirklich bestimmen. Schuld daran ist, dass jedes Land seine eigenen Bestimmungen und Definitionen von Blindheit und Sehbehinderungen hat und es viele Länder gibt, die Blinde und Sehbehinderte nicht zählen. Die folgenden Zahlen sind deshalb nur Schätzungen und mit Vorsicht zu genießen.

Man schätzt, dass es derzeit ungefähr 36 Millionen blinde und etwa 217 Millionen sehbehinderte Menschen gibt. 90 % der blinden Menschen leben in den Entwicklungsländern. Dort ist das Risiko zu erblinden zehnmal größer als in den reichen Industrienationen. Grund dafür sind die hohe Armut und fehlende Ressourcen in der medizinischen Versorgung. Statistisch gesehen ist in Afrika ein Augenarzt für 1 Millionen Menschen zuständig (Deutschland etwa 13.000).

Während in Deutschland und anderen Industrieländern das Thema Inklusion in Schulen und auf dem Arbeitsmarkt immer stärker in den Fokus rückt, bleibt in den Entwicklungsländern 90 % der blinden Kindern eine Schulbildung verwehrt. 80 % der Erwachsenen blinden Menschen sind deshalb später arbeitslos und bleiben somit in ärmlichen Verhältnissen stecken. Staatliche Zuwendungen, wie ein monatliches Blindengeld oder Ähnliches, gibt es zumeist nicht. Zudem müssen blinde Menschen in Entwicklungsländern oftmals mit totaler Isolierung und gesellschaftlicher Ausgrenzung leben.Blindheit bedeutet also in vielen Entwicklungsländern oftmals einen Armutskreislauf, aus dem betroffenen Menschen gar nicht oder nur sehr schwer ausbrechen können. Dabei würden sich etwa 75 % der Erblindungen weltweit vermeiden lassen. Jedoch fehlt es gerade in den Entwicklungsländern an medizinischen Personal oder an den finanziellen Möglichkeiten der betroffenen Menschen.

Trotz so mancher Schwierigkeiten und Herausforderungen, die eine Blindheit oder Sehbehinderung auch hierzulande mit sich bringt, muss gesagt werden, das es blinden und sehbehinderten Menschen in Deutschland gut bis sehr gut geht. Man hat in Deutschland Zugang nahezu allen weltweit verfügbaren Hilfsmitteln und bekommt bei der Beschaffung finanzielle Unterstützung von den einzelnen Bundesländern. Des Weiteren ist es auch als blinder oder sehbehinderter Mensch möglich eine normale Schulausbildung zu genießen und später einen Arbeitsplatz zu bekommen. Es gibt zwar auch hierzulande noch einige Schwierigkeiten und viel zu tun, jedoch sind diese Probleme klein in Relationen zu den Lebensverhältnissen von blinden Menschen in Entwicklungsländern.

Vorurteile über blinde Menschen: Der Faktencheck

Blinde Menschen sehen sich oft mit Vorurteilen konfrontiert. Diese Vorurteile stehen eine gelungene Inklusion des Öfteren im Wege, auch wenn sie selten böswillig gemeint sind.

Doch was ist eigentlich dran an diesen Vorurteilen? Perspektivwechsel unterzieht die gängigsten Vorurteile einem Faktencheck und klärt auf.

Blinde Menschen sehen schwarze Dunkelheit

Stimmt nicht!

Zunächst einmal kommt es darauf an, ob ein Mensch blind oder sehbehindert ist. Sehbehinderte Menschen können in der Regel noch zwischen hell und dunkel unterscheiden und Umrisse wahrnehmen. Aber auch ganz blinde Menschen sehen in der Regel nicht schwarz.

Auch hier muss zwischen den einzelnen Arten von Blindheit unterschieden werden. Je nach Ursache der Blindheit kann es zum Beispiel sein, dass man eine graue Nebelsuppe oder schwarz-weiß-Figuren vor seinem Auge sieht.

Die meisten Blinden sehen jedoch tatsächlich nichts. Nichts ist hier bei keineswegs mit schwarz oder Dunkelheit gleichzusetzen. Für sehende Menschen ist es nur schwer vorstellbar, da es keine wirklichen Vergleiche hierfür gibt. Am nächsten kommt man dem Nichtssehen vielleicht, wenn man sich vorstellt wie man mit seinem Fuß oder seiner Hand sieht.

Bei Blinden Menschen sind die restlichen Sinne stärker und besser ausgeprägt als bei sehenden Menschen

Stimmt!

Blinde und sehbehinderte Menschen müssen sich viel stärker auf den Gehör-, Tast- und Riechsinn und seltener auch auf den Geschmackssinn konzentrieren, um ihre Umwelt wahrzunehmen.

Es ist sogar wissenschaftlich nachgewiesen, dass das menschliche Gehirn in der Lage ist, Teile des Sehzentrums, so umzu-strukturieren, sodass Informationen, die von den anderen Sinnen an das Gehirn weiter gegeben werden, im Sehzentrum mit verarbeitet werden. Das Gehirn eines blinden Menschen passt sich also an den Verlust des Sehzentrums an und konzentriert sich auf die restlichen Sinne.

Dass Blinde anstelle des Sehsinns durch ein besonders gutes Gehör Superkräfte entwickeln können und Geräusche aus kilometerweiter Entfernung richtig identifizieren können, entspricht jedoch nicht der Wahrheit und ist eine Übertreibung aus vielen Filmen und Romanen.

Gleichwohl arbeiten immer mehr blinde Menschen als Masseure oder im medizinischen Bereich bei der Erkennung von Brustkrebs, da der Tastsinn bei blinden Menschen stärker ausgeprägt ist.

Blinde Menschen sind nicht in der Lage alleine das Haus zu verlassen

Stimmt Nicht!

Blinde Menschen sind mithilfe ihres Blindenstocks sehr wohl in der Lage das Haus zu verlassen und sich in der Stadt zu orientieren.

Viele erhalten ein so genanntes Mobilitätstraining, bei dem sie wichtige Routen wie zum nächsten Supermarkt, zum Bahnhof oder zur Arbeitsstelle lernen. Viele Blinde mögen es aber auch ihre Umgebung auf eigene Faust zu entdecken.

Blinde Menschen haben keine Hobbys und langweilen sich den ganzen Tag zu Hause

Stimmt Nicht!

Blinde Menschen haben genau wie sehende Menschen Hobbys und Aktivitäten die sie gerne machen.

In der Regel unterscheiden sich diese Hobbys nicht sonderlich von denen der sehenden Menschen. Es gibt blinde Menschen, die sich für Sport interessieren und auch selbst Sport betreiben. Blinde Menschen treffen sich gerne mit Freunden und gehen etwas trinken. Es gibt blinde Menschen, die gerne Spaziergänge machen oder gerne shoppen gehen.

Blinde Menschen sind nicht in der Lage ihren eigenen Haushalt alleine zu strukturieren und sich selbst zu versorgen

Stimmt in der Regel nicht!

Blinde Menschen sind durchaus in der Lage die grundsätzlich Arbeiten im Haushalt wie Kochen oder Aufräumen alleine durchzuführen. Schwierigkeiten könnte es eventuell beim Putzen geben, da es schwer ist, herauszufinden, ob ein Boden wirklich sauber gewischt ist oder nicht.

Kochen ist in der Regel machbar, wobei sich die meisten blinden Menschen am Anfang sehende Hilfe holen. Viele präparieren ihren Herd auch mit Markierungspunkten, damit sie wissen, auf welche Temperatur der Herd eingestellt ist.

Blinde Menschen können nicht alleine einkaufen gehen

Stimmt nicht!

Das blinde Menschen auch alleine ihr Haus verlassen haben wir bereits geklärt. Und auch einkaufen liegt durchaus im Bereich des möglichen.

Zwar ist es für blinde Menschen schwierig bis unmöglich, ganz alleine durch einen Supermarkt oder ein Geschäft zu laufen und die bestimmten Produkte aus den Regalen auszusuchen, jedoch bieten mittlerweile viele Supermärkte und Geschäfte spezielle Einkaufshilfen an.

So kann man sich als blinder Mensch meistens an der Kasse melden und bekommt dann entweder einen Mitarbeiter an die Seite gestellt, der mit einem durch das Geschäft läuft und die gewünschten Produkte holt oder man gibt an der Kasse seinen Einkaufszettel ab und bekommt die Produkte direkt dorthin gebracht.

Online einkaufen ist in den allermeisten Fällen auch komplett ohne sehende Hilfe möglich.

Blinde Menschen können kein Smartphone und keinen Computer benutzen und sind deshalb völlig abgeschnitten von der digitalen Welt

Stimmt nicht!

Wie blinde ein Smartphone nutzen können und wie es sogar als Hilfsmittel eingesetzt werden kann habe ich

Hier

beschrieben.

Die meisten Smartphones und viele Computer haben eine spezielle Software, die blinden Menschen die Bildschirminhalte vorliest. So ist es auch für blinde Menschen möglich im Internet zu surfen und zu chatten. Mittlerweile werden sogar die beliebten Emojis und Fotos beschrieben.

Blinde Menschen sind immer traurig und schlecht gelaunt wegen der Behinderung

Stimmt nicht!

Natürlich hat jeder Blinde auch mal schlechte Tage und ist öfter traurig wegen der Behinderung. Es ist aber keineswegs so, dass blinde Menschen immer nur traurig und enttäuscht in der Ecke sitzen. Die aller meisten haben sich mit ihrem Handikap abgefunden und versuchen das Beste aus der Situation zu machen und führen ein glückliches und zufriedenes Leben. Schlechte Tage gehören ja auch zum Alltag der sehenden Menschen dazu.

Blinde Menschen interessieren sich nicht für Mode und ihr Aussehen

Kann nicht mit stimmt oder stimmt nicht beantwortet werden!

Ähnlich wie bei sehenden Menschen gibt es auch bei blinden Menschen solche, die viel Wert auf ihr Äußeres und Mode legen und andere, denen es relativ egal ist.

Blind zu sein, bedeutet auf jeden Fall nicht automatisch, dass man sich nicht für Mode und seine Kleidung interessiert. Es gibt Menschen, die sich beim Kleiderkauf ganz genau beschreiben lassen wie das Kleidungsstück aussieht und welche Farbe es hat. Mittlerweile gibt es sogar einige Apps, die blinden Menschen die Farbe von Produkten und Kleidungsstücken beschreiben können. Man hält dann das Smartphone mit der Kamera in Richtung des Kleidungsstück und die App erkennt dann mehr oder weniger zuverlässig die Farbe.

Andere wiederrum befühlen das Kleidungsstück ganz genau und entscheiden dann danach, ob es sich schön oder weniger schön anfühlt.

Und dann gibt es noch diejenigen, denen es wirklich egal ist wie die Kleidungsstücke aussehen oder sich anfühlen. Auch im Bereich Frisur oder schminken kann man nicht grundsätzlich davon ausgehen, dass dies für blinde Menschen uninteressant ist. Viele blinde Frauen schminken sich selbst sehr gerne. Manche lassen sich von Sehenden helfen, aber sehr viele Frauen schminken sich ohne sehende Hilfe.

Auch beim Friseur haben viele Blinde ganz genaue Vorstellungen davon wie ihre Frisur aussehen soll.

Blinde Menschen waren als Kind grundsätzlich auf Blindenschulen

Stimmt nicht mehr!

Noch vor gar nicht allzu langer Zeit war es selbstverständlich, dass ein blindes Kind auf eine Blindenschule gehen muss. Doch seitdem Deutschland vor zehn Jahren die UN Behinderten Rechts Konvention ratifiziert hat, haben Kinder mit einer Behinderung ein Recht darauf mit nicht behinderten Kindern unterrichtet zu werden. Seitdem gibt es auch immer mehr blinde Kinder, die als Inklusionsschüler auf eine Regelschule gehen. Ich durfte ab dem dritten Schuljahr als Inklusionsschüler mit sehenden Schülern zusammen auf eine Schule gehen und habe 2016 als erster blinder Mensch das Zentralabitur in Hessen an einer Regelschule absolviert.

Nach der Schulzeit werden Blinde Menschen arbeitslos oder arbeiten in Blindenwerkstädten

Stimmt nicht!
Tatsächlich ist erwiesen, dass es Menschen mit einer Behinderung deutlich schwerer haben, einen Job zu finden als Menschen ohne Behinderung. Des Weiteren ist die Arbeitslosenquote bei blinden Menschen wesentlich höher als bei Sehenden. Daraus abzuleiten, dass blinde Menschen grundsätzlich keine Chance haben eine Arbeit zu finden und wenn dann nur in einer Blindenwerkstatt, entbehrt jedoch jeglicher Grundlage. Blinde Menschen arbeiten in fast jeder Branche und in fast jedem Berufsfeld. Viele Blinde machen nach dem Schulabschluss eine Ausbildung oder ein Studium und spezialisieren sich weiter. Zwar erleben blinde Menschen immer wieder, dass Arbeitgeber erst einmal äußerst skeptisch sind, jedoch gelingt es oft die Arbeitgeber positiv umzustimmen und von der Leistungsfähigkeit zu überzeugen.

Blinde Menschen können keine Treppen laufen

Stimmt nicht!

Blinde Menschen können genauso gut wie sehende Menschen eine Treppe benutzen. Der fehlende Sehsinn stellt hier kein großes Hindernis dar. Mit dem Blindenstock können Blinde die Stufen vor sich gut ertasten und wissen somit genau, wann eine Treppe beginnt und wo sie aufhört.

Nach gendergerechter Sprache: brauchen wir jetzt auch eine behindertengerechte Sprache?

Zurzeit wird viel darüber gestritten, ob die Bezeichnung Menschen mit Behinderung im 21. Jahrhundert noch zeitgemäß ist. Vermehrt werden Stimmen laut, die den Begriff Behinderung rassistisch finden und lieber von Menschen mit besonderen Bedürfnissen anstatt Menschen mit Behinderung sprechen.

Andererseits sind Menschen ohne ein Handikap verunsichert, wie sie am besten mit einem Menschen mit Handikap kommunizieren sollen. Sie fragen sich beispielsweise, ob man zu einem blinden Menschen Sätze wie, schön dich zu sehen oder auf Wiedersehen sagen kann.

Brauchen wir nach der Debatte zur gendergerechten Sprache nun auch eine Debatte über behindertengerechte Sprache?

Sprache im Wandel

Unsere Sprache befindet sich, wie unsere gesamte Gesellschaft in einem stetigen Wandel. Redewendungen und Begriffe, die lange Zeit zur Alltagssprache gehört haben, kommen mit der Zeit aus der Mode, weil sie nicht mehr zeitgemäß sind, sich die Perspektiven verändert haben oder weil ihnen Diskriminierung von Minderheiten unterstellt wird. Als Beispiel dafür, wie sich Sprache verändert, kann das Wort Inklusion gelten. Als ich im Jahre 2006 von der Blindenschule auf eine Regelschule für sehende Schüler wechselte, sprach man nicht von Inklusion, sondern viel mehr von Integration. Der Begriff Inklusion hat sich erst in den letzten Jahren durchgesetzt und mittlerweile spricht man nur noch von Inklusion und im Zusammenhang von Menschen mit Behinderung kaum noch von Integration.

Mit dem Wandel von Integration zu Inklusion hat sich auch die Perspektive von der Eingliederung von Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft verändert. Während Integration meint, dass sich der Mensch, der in die Gesellschaft eingegliedert werden soll, an die Gesellschaft anpassen muss, bedeutet Inklusion, dass sich sowohl Gesellschaft als auch der Mensch der eingegliedert wird, aneinander anpassen. Inklusion geschieht also von beiden Seiten, während Integration in der Regel nur eine einseitige Geschichte ist.

Das sich Sprache mit Sichtweisen und Ansichten der Gesellschaft wandelt, ist also völlig normal und oftmals auch sinnvoll.

Schwieriger wird es jedoch, wenn von bestimmten Gruppen versucht wird, Sprache aufgrund von bestimmten Werte- vorstellungen zu verändern. Oftmals wird dieser Versuch mit Political correctness umschrieben.

Bestes Beispiel hierfür ist die gendergerechte Sprache, die für Gleichberechtigung aller Geschlechter im Sprachgebrauch sorgen soll. So wird aus Studenten Studierende und Kollegen werden zu Kolleg*Innen.

Auch vor Menschen mit Behinderungen macht die Political Correctness keinen Halt. Derzeit wird immer häufiger gefordert den Begriff Behinderung aus dem Wortschatz zu streichen und stattdessen von Menschen mit besonderen Bedürfnissen oder von Menschen mit Handikap zu sprechen. Auch bei den Bezeichnungen von Behinderungen soll eine Sprache etabliert werden, die sich behindertengerechter anhört. So findet man immer häufiger die Bezeichnung sehgeschädigte Menschen anstatt blinde/sehbehinderte Menschen.

Diese Forderungen nach einer behindertengerechten Sprache kommen zumeist von Menschen mit einer Behinderung selbst. Tatsächlich fühlen sich viele Menschen durch den Begriff Behinderung diskriminiert, da viele das Wort Behinderung negativ belegt ist und sogar des Öfteren als Schimpfwort verwendet wird.

Zu diesem Thema habe ichHier

bereits einen Beitrag verfasst.

Des Weiteren fordern immer mehr Menschen, dass sich die Sprache ihrem Handikap anpassen sollte. Dies würde dazu führen, dass man zu einem blinden Menschen nicht mehr auf Wiedersehen sagen kann, sondern sich eine alternative Redewendung überlegen muss. Menschen ohne Handicap versuchen mehr und mehr ihre Sprache einer Behinderung anzupassen, wenn sie sich mit einem Menschen mit Handikap unterhalten.

Die Grenzen der behindertengerechten Sprache

Doch ist es überhaupt möglich eine behindertengerechte Sprache zu etablieren? Stellt man sich diese Frage wird man recht schnell zu dem Ergebnis kommen, dass es unmöglich ist, die deutsche Sprache so zu verändern, dass alle oder zumindest viele Behinderungen berücksichtigt werden.

Der Widerspruch wird deutlich, wenn man einmal versucht eine alltägliche Redewendung wie „schön dich zu sehen!“ versucht behindertengerecht zu verändern.

Da wären zunächst blinde Menschen, die ihr Gegenüber nicht sehen können und einfordern, dass man statt sehen einen anderen Begriff verwendet. Da blinde Menschen ihren Gesprächspartner zumeist an der Stimme erkennen, würde es sich anbieten statt „Schön dich zu sehen!“ „Schön dich zu hören!“ zu sagen.

Dann würden aber die gehörlosen Menschen protestieren, da sie ihr Gegenüber natürlich nicht hören können.

An diesem Beispiel wird die Problematik und Sinnlosigkeit des Versuchs Sprache krampfhaft behindertengerecht zu gestalten offenbar.

Warum eigentlich behindertengerechte Sprache?

Des Weiteren wird durch den Widerspruch die Frage aufgeworfen, ob und wieso wir überhaupt eine behindertengerechte Sprache brauchen?

Warum fühlen sich Menschen durch das Wort Behinderung diskriminiert und negativ stigmatisiert? Und warum wünschen sich so viele Menschen, dass sich Sprache an ihrem Handikap orientiert und anpasst? In diesem Zusammenhang muss aber auch gefragt werden, warum Menschen ohne Handikap des Öfteren krampfhaft versuchen ihre Sprache behindertengerecht anzupassen, sobald sie mit einem Menschen mit Behinderung kommunizieren.

Sicherlich hat jeder ganz individuell seine eigenen Antworten auf diese Fragen und deshalb ist es nicht möglich, dass dieser Beitrag ausreichende Erklärungen abliefert.

Trotzdem möchte ich es wagen zumindest teilweise eine Erklärung zu geben.

Sprache ist in gewisser Weise immer auch Spiegel der Gesellschaft oder zumindest von demjenigen, der gerade das Gespräch führt. Als Beispiel sei hier an dem Wortwandel von Integration zu Inklusion erinnert, den ich am Anfang des Textes erläutert habe.

Wenn sich so viele Menschen von dem Wort Behinderung diskriminiert und negativ stigmatisiert fühlen, ist das Grund genug zu fragen, wie unsere Gesellschaft mit Behinderungen umgeht.

Oftmals gibt es noch große Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderung. Diese Vorurteile entstehen zumeist nicht aus Boshaftigkeit, sondern viel mehr aus Unwissenheit. Vorurteile stecken Menschen mit Behinderung meistens in eine Schublade, aus der sie so ohne weiteres nicht mehr herauskommen.

Allerdings muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass diese Vorurteile nicht immer nur von Menschen ohne Handikap verbreitet werden, sondern immer wieder auch von Menschen mit Handikap. Viele Menschen mit einer Behinderung haben selbst eine eher negative Wahrnehmung von sich selbst und ihrer Behinderung. Zwar kann dies auch auf die gesellschaftliche Wahrnehmung zurückgeführt werden, jedoch werden Vorurteile dadurch eher noch verstärkt.

Zur Behinderung stehen

Eine andere Möglichkeit, als die der zwanghaften Sprachenumwandlung wäre, dafür einzustehen, dass das Wort Behinderung nicht mehr so negative Gefühle auslöst. Meine persönliche Einstellung ist, dass meine Blindheit ein Teil von mir und meiner Persönlichkeit ist. Natürlich ist es nicht immer einfach damit zu leben, aber trotzdem ist mein Leben lebenswert und schön. Ich brauche keine besonderen Wortformulierungen und keine Veränderung der Sprache, um besser mit meiner Behinderung leben zu können. Ich habe eine Behinderung, die sich Blindheit nennt und dazu stehe ich. Deshalb ist es auch in Ordnung, dass ich ein Mensch mit Blindheit oder Behinderung bin.

In der Debatte um behindertengerechte Sprache würde ein wenig mehr Realismus gut tun. Wenn ich statt Mensch mit Behinderung ab heute nur noch Menschen mit besonderen Bedürfnissen sage, verändert sich ja nichts an der Grundeinstellung und Mentalität der Gesellschaft. Vielmehr muss darüber gesprochen werden, warum sich für einige Menschen der Begriff Behinderung diskriminierend anhört.

Wir Menschen mit Behinderung sollten den Menschen ohne eine offensichtliche Behinderung deutlich sagen, dass unsere Behinderung ein Teil von unserer Persönlichkeit ist, den man nicht durch zwanghafte sprachliche Veränderung klein reden oder leugnen sollte. Wir sollten ihnen zeigen, dass zu unserer Gesellschaft auch Menschen mit einer Behinderung ganz normal und ganz selbstverständlich dazu gehören sollten.

Das Statistische Bundesamt hat ermittelt, dass Ende 2017 9,4 % der deutschen Bevölkerung eine schwere Behinderung hatte. Das ist immerhin etwa jeder zehnte Bundesbürger.

Der Appell lautet deshalb: Lasst uns aufhören durch erzwungene Veränderung der Sprache Behinderungen klein zu reden oder zu verdrängen! Lasst uns auch durch den Gebrauch von Sprache zeigen, dass Behinderung ganz selbstverständlich zu unserer Gesellschaft dazugehören sollte.

Des Weiteren ist es trotz der Bemühungen eine behindertengerechte Sprache zu etablieren höchst fraglich, ob sich die Mehrheit der Menschen mit Behinderung dadurch wohler und weniger diskriminiert fühlt. In der Regel wünschen sich immer noch sehr viele Menschen, dass man mit ihnen ganz normal kommuniziert und komplizierte Sätze und Redewendungen, die die Behinderung verschleiern oder umgehen sollen, vermeidet. Deswegen sollten Menschen ohne eine Behinderung viel öfter Alltagssprache verwenden und zum Beispiel zu einem blinden Menschen auf Wiedersehen sagen.