Wenn Menschen davon hören, dass ein blinder Mensch trotz der Behinderung studiert, sind viele Menschen erst einmal überrascht und fragen sich wie das überhaupt funktionieren kann. Nicht selten schlägt anfängliche Überraschung und Skepsis sehr schnell in große Bewunderung für den blinden Menschen und seine Leistung um. Doch die vielen Schwierigkeiten und Kämpfe, die ein Studium mit Behinderung so mit sich bringen, bleiben oft im Verborgenen. Doch dieser Beitrag soll gerade von den Schwierigkeiten und Kämpfen berichten, die einen Blinden während dem Studium ständig begleiten.

Verloren auf dem Campus

Das Gefühl, sich auf dem Campus der Universität Kassel verlaufen zu haben, kennt vermutlich jeder, der schon einmal eine Veranstaltung an der Uni besuchen musste. Die vielen verwinkelten Gassen bringen irgendwann jeden einmal zur Verzweiflung. Während für sehende Menschen dann immer noch Google-Mapps oder ein Lageplan des Campus weiterhelfen könnte, bin ich als Blinder oftmals aufgeschmissen. Mal eben zwischen zwei Veranstaltungen das Gebäude wechseln oder sich in einer Pause mal einen Kaffee in der Cafeteria holen, wird somit zur Herausforderung und nicht selten auch zur unlösbaren Aufgabe. Da sich ein blinder Mensch wesentlich stärker auf seinen Weg konzentrieren muss, als ein sehender Mensch, ist es oftmals auch mit einer nicht zu unterschätzenden Anstrengung verbunden, wenn ich mich alleine über den Campus bewege. Kommt dann auch noch Zeitdruck dazu, weil die nächste Veranstaltung schon bald wieder beginnt, muss ich öfter vor dieser Herausforderung kapitulieren und auf einen Kaffee verzichten.
Die einzige Möglichkeit die mir bleibt ist Kommilitonen zu fragen, ob sie mich von A nach B begleiten können. Diese Methode funktioniert zumeist sehr zuverlässig. Es gibt eigentlich immer jemanden, der den gleichen oder zumindest einen ähnlichen Weg hat wie ich und mich mitnehmen kann. Verlass ist zudem auch immer auf meinen Freundeskreis an der Uni, die mir helfen meine Räume und Wege zu finden. Was trotzdem bleibt ist ein Gefühl der Unselbstständigkeit und Abhängigkeit von anderen Menschen. Es ist nicht immer einfach zu akzeptieren, dass man selbst Kleinigkeiten wie einen Kaffee kaufen nicht ohne sehende Hilfe ausführen kann. Zudem kostet es manchen Tagen auch große Überwindung sich selbst und vor anderen Menschen einzugestehen, dass man Hilfe benötigt. Das Gefühl der Abhängigkeit wird dann sehr schnell zur erdrückenden Belastung. Außerdem kommt dann des Öfteren noch die Angst hinzu, dass ich für meine Kommilitonen nur eine Belastung sein könnte, wenn ich sie um Hilfe bitte. Diese Gründe führen nicht selten dazu, dass ich auf besagten Kaffee verzichte oder orientierungslos auf dem Campus herumlaufe um Selbstständigkeit zu trainieren und keine Belastung zu sein.

Rein logisch betrachtet gibt es zumindest für die Angst eine Belastung zu sein keine Begründung. Ganz im Gegenteil: Die allermeisten Menschen sind sehr hilfsbereit und der Großteil meines Freundeskreises habe ich kennen gelernt, als ich die zukünftigen Freunde um Hilfe gebeten hatte. Und trotzdem lassen sich die bereits beschriebenen Gefühle an einigen Tagen nicht abstellen oder verdrängen.

Wenn die Literatur nicht barrierefrei ist Über die Schwierigkeiten barrierefreie Literatur zu beschaffen, habe ich bereits Hier etwas geschrieben.

Die Grundproblematik besteht darin, dass es einen Großteil der benötigten Literatur nicht in digitaler barrierefreier Form gibt. Die Kursliteratur muss dann extra digitalisiert und barrierefrei ausgearbeitet werden, damit ich arbeiten kann. Dies ist allerdings sehr Zeitaufwändig und führt öfter dazu, dass ich die Literatur erst in der Mitte oder sogar am Ende des Semesters erhalte. Eine ordentliche Mitarbeit wird somit von vornherein deutlich erschwert.

Höherer (Zeit-) Aufwand

Als Studierender mit einer Behinderung muss man mit deutlich mehr Aufwand rechnen, als ein Studierender ohne Behinderung. Dies gilt sowohl für den zeitlichen Aspekt, als auch für die Energie, die man in das Studium investieren muss.

Was den zeitlichen Aspekt angeht, lässt sich in etwa feststellen, dass ich für die Vor- und Nachbereitung eines Seminares ungefähr zwei bis drei mal so viel Zeit benötige wie meine sehenden Kommilitonen.

Dies liegt daran, dass sehende Menschen ihre Literatur um ein Vielfaches schneller durcharbeiten können als blinde Menschen. Ein sehender Mensch kann einen Text nach Überschriften gliedern und überfliegen und sich die wichtigsten Stellen markieren. Als Blinder kann man den Text in der Regel nicht nach Überschriften gliedern und überfliegen und sich auch keine wichtigen Stellen markieren. Heißt also, dass die Textarbeit für blinde Menschen wesentlich zeitaufwändiger und auch anstrengender ist. Dadurch, dass ich keine Markierungen vornehmen kann, muss ich mir deutlich mehr merken.

Gleiches gilt für das Verfassen von Hausarbeiten, Aufsätzen oder Referaten. Literatur heraussuchen und diese dann nach Wichtigkeit filtern ist sehr viel schwieriger und zeitaufwändiger für einen Blinden. Der Nachteilsausgleich, Der Menschen mit Behinderungen bei Prüfungen oftmals mehr Zeit einräumt trägt dieser Schwierigkeit zumindest teilweise Rechnung.

Kontaktaufnahme mit anderen Kommilitonen

Eine weitere Schwierigkeit liegt in der Verunsicherung von vielen sehenden Menschen, wenn sie mit einem blinden Menschen zu tun haben. Viele meiner Kommilitonen haben noch nie Kontakt zu einem blinden Menschen gehabt und wissen dem entsprechend oft nicht, wie sie mit dieser neuen Situation umgehen sollen. Bei vielen kommt dann auch noch die Angst dazu, dass sie etwas falsch machen oder unsensibel sein könnten. Dies führt dann oft dazu, dass sie zurückhaltend und sehr vorsichtig auf mich reagieren. Bestimmte Vorurteile können dazu führen, dass ich von Freizeitaktivitäten wie beispielsweise feiern gehen oder sonstige Treffen mit dem Hinweis ausgeschlossen werde: „Dies sei doch nichts für einem Blinden!“ Diese Ausgrenzung ist immer sehr unangenehm.

Einerseits sind die Vorurteile zumeist nicht zutreffend. Ein blinder Mensch kann genauso gut feiern gehen, sich mit Freunden treffen, etwas trinken gehen oder bei einem Spieleabend mitspielen wie sehende Menschen.

Andererseits entsteht somit oft das Gefühl, dass meine Blindheit zwischen mir und meinen Kommilitonen steht. Dieses Gefühl macht sich dann oftmals in dem empfinden ziemlich einsam und verloren als Blinder unter den vielen Sehenden zu sein. Um so schöner ist es dann, wenn diese Vorurteile beseitigt werden können und ich ganz normal mit meiner Behinderung akzeptiert werde und diese gar keine Rolle mehr spielt.

Und trotzdem liebe ich mein Studium

Vielleicht wird sich der ein oder andere nach lesen des Textes nun fragen, ob ein Studium unter diesen Bedingungen überhaupt Spaß machen kann. Diese Frage kann ich mit einem klaren JA beantworten! Trotz der vielen Herausforderungen und Schwierigkeiten gibt es auf der anderen Seite auch eine ganze Menge an positiven Dingen, die Das Studentenleben attraktiv und positiv machen. Nach einem Semester an der Universität Kassel kann und darf ich zufrieden sagen, dass ich mich gut eingelebt habe. Außerdem habe ich einige sehr gute Freunde gefunden, die mich mit meiner Behinderung so akzeptieren und stets bemüht sind mich im Studium und auch da rüber hinaus so gut sie können zu unterstützen. Mit diesem Rückhalt lassen sich auch die größten Schwierigkeiten bewältigen.

Natürlich gibt es diese Tage, an denen mich meine Behinderung stark deprimiert und wie eine schwere Last auf meinen Schultern liegt. Aber unterkriegen lassen möchte ich mich davon nicht, so groß die Herausforderungen auch sein mögen.

Weiteres Über den Alltag eines blinden Studenten an der Universität Kassel kannst du Hier nachlesen.

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