„Bist du schon immer blind?“Kaum etwas wird mich häufiger gefragt wie die Frage wie lange ich schon blind bin, verbunden mit dem Interesse nach der Ursache für meine Erblindung. Im folgenden Beitrag möchte ich daher versuchen diese Fragen zu beantworten.

Ich bin nicht von Geburt an blind. Als ich in der südbrasilianischen Stadt Curitiba geboren wurde konnte ich zunächst ganz normal sehen. Jedoch litt ich schon bei der Geburt unter der Augenkrankheit Glaukom, welche für einen viel zu hohen Augendruck gesorgt hat. Da meine leiblichen Eltern nicht in der Lage waren mich großzuziehen und mich zu ernähren, entschied sich meine leibliche Mutter schon während der Schwangerschaft dafür, mich sofort nach der Geburt zur Adoption freizugeben und damit in ein Kinderheim zu bringen. Obwohl ich das Glück hatte, dass ich in einem für brasilianische Verhältnisse sehr guten Kinderheim gelandet bin, bemerkte man zunächst nichts von meiner Augenerkrankung. Als man es schließlich bemerkte war durch den zu hohen Augendruck schon ein Großteil meiner Sehnerven zerstört und die Erblindung relativ weit fortgeschrritten. Augenärzte nahmen sich meiner Augen an, jedoch ist die medizinische Versorgung in Brasilien bei Weiten nicht so fortgeschritten und gut wie in Deutschland und erst recht nicht für Kinder, die in ärmlichen Verhältnissen oder in Kinderheimen leben müssen. Daher konnten mir die Augenärzte auch nicht helfen. Viel mehr taten sie mir mit ihren Untersuchungen ziemlich weh, weshalb ich vermutlich heute immer noch große Probleme hab, mich einem Augenarzt anzuvertrauen. Mit anderthalb war die Erblindung schließlich soweit fortgeschritten, dass ich auf dem linken Auge gar nichts mehr sehen konnte und auf dem rechten Auge nur noch einen Sehrest von unter 1 % hatte. In dieser Zeit stellte sich auch die Frage, wie die Zukunft von einem kleinen blinden Jungen aussehen könnte. Das Kinderheim, in dem ich bis dahin untergebracht war, war ein privat organisiertes Heim. Jedoch hätte ich mit meinem zweiten Geburtstag dieses Kinderheim verlassen müssen, um in ein staatliches Heim untergebracht zu werden. Im Allgemeinen zeichnen sich staatliche Kinderheime in Brasilien durch schlechte Versorgung der Kinder aus. Auch kommt es nicht selten vor, dass kriminelle Banden diese Heime überfallen und vor allem Kinder mit einer Behinderung entführen, um sie auf der Straße betteln zu lassen. Um mir dieses Schicksal zu ersparen wurde fieberhaft nach einer Adoptivfamilie gesucht. Aufgrund meiner Behinderung wurde die Suche schließlich auch international geführt. Normalerweise dürfen brasilianische Kinder nur von brasilianischen Familie adoptiert werden. Der Suchaufruf erreichte meine Eltern in Deutschland, die mich mit anderthalb adoptierten und mit nach Deutschland genommen haben. Hier in Deutschland wurde in den kommenden Jahren alles darangesetzt, mir wenigstens noch den kleinen Sehrest auf meinem rechten Auge zu erhalten. Unzählige Augenarzttermine, Untersuchungen und einige Operationen konnten die immer weiter fortschreitende Erblindung jedoch nicht mehr verhindern, sodass ich seit etwa 13 Jahren vollständig blind bin und keinen Sehrest mehr habe. Da ich vergleichsweise früh erblindet bin, konnte sich mein Körper und mein Gehirn sehr gut auf das Nichtsehen einstellen. Nichts zu sehen ist für mich heute ganz normal und nichts schlimmes. Dadurch, dass ich in der Kindheit auf dem rechten Auge noch einen kleinen Sehrest hatte kann ich mich noch sehr gut an einige Dinge erinnern, die ich sehen konnte. Zum Beispiel kann ich mir gut Farben und Umrisse vorstellen. Diese Erinnerungen helfen mir auch heute noch, mich im Alltag besser zurecht zu finden, da ich von vielen Situationen ein relativ klares Bild im Kopf habe. Aber natürlich wecken diese Erinnerungen nicht immer nur positive Gefühle. Gerade in der Weihnachtszeit ist es oft nicht leicht, daran zu denken, dass ich die Lichtervielfalt auch einmal selbst sehen konnte. Im Großen und Ganzen bin ich aber dankbar für die Erinnerungen und mache das Beste aus dieser Situation. Es gibt wichtigere Dinge im Leben, als über einen Sehsinn zu verfügen. Andererseits nimmt man durch das Fehlen des Sehsinnes viele Dinge auf eine ganz andere Art und Weise wahr und kann vieles deshalb aus einer anderen Perspektive erleben. Dazu in den kommenden Artikel mehr!



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