Vermutlich kennen wir es alle. Man sitzt in der Bahn oder schlendert durch die Stadt und hört plötzlich Sätze wie „Bist du behindert?“ oder „Wie blöd bist du? Das merkt sogar ein Blinder…“

Streiten sich zwei Menschen miteinander fallen auch nicht selten Worte wie „Du Krüppel!“

Dass Behinderungen als Schimpfwörter verwendet werden, passiert viel zu häufig. Aber wie denkt ein Mensch mit Behinderung darüber?

Zunächst ist es wichtig, einmal darüber nachzudenken, was jemand mit Fragen wie „Bist du behindert?“ ausdrücken möchte.

In der Regel wird mit solchen Fragen das Denkvermögen des Gegenübers angezweifelt. Behinderung wird hier gleichgesetzt mit beschränktem Denkvermögen oder mit fehlender Zurechnungsfähigkeit.

Sätze wie „Das merkt ja sogar ein Blinder!“, sollen dem Gesprächspartner verdeutlichen, dass er eine für jeden nicht behinderten Menschen scheinbar klar erkennbare Situation nicht erkennen kann. Blinden Menschen wird demnach also unterstellt, dass sie nicht in der Lage sind offensichtliche Zusammenhänge wahrzunehmen.

Eines muss an dieser Stelle erwähnt werden: Nicht jeder, der solche Sprüche verwendet, hat zwangsläufig etwas gegen Menschen mit Behinderung. Für viele ist es ganz normal und auch natürlich Behinderungen als abwertendes Schimpfwort zu benutzen. Und gerade hier liegt das Problem und gleichzeitig auch die Gefahr. Der Gedanke, dass Menschen mit einem Handicap nicht zurechnungsfähig und in ihrem Denkvermögen und Handeln eingeschränkt sind, scheint auch im 21. Jahrhundert noch tief in der Gesellschaft verankert zu sein. Und mehr noch: Die Verwendung von Behinderungen als Schimpfwort lässt darauf schließen, dass für viele Menschen ein Leben mit einer Behinderung nicht den gleichen Wert hat, wie ein Leben ohne Behinderung. Und dort müssen wir als Gesellschaft, die sich Weltoffenheit und Inklusion auf die Fahnen schreibt einhaken. Richard von Weizsäcker(Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland 1984 bis 1994) hat in seiner

Ansprache bei der Eröffnungsveranstaltung der Tagung der Bundesarbeitsgemeinschaft Hilfe für Behinderte am 01. Juli 1993 in Bonn

In meinen Augen sehr klar und gut formuliert wie eine inklusiv denkende Gesellschaft sein sollte:

„Es ist normal, verschieden zu sein. Es gibt keine Norm für das Menschsein. Manche Menschen sind blind oder taub, andere haben Lernschwierigkeiten, eine geistige oder körperliche Behinderung – aber es gibt auch Menschen ohne Humor, ewige Pessimisten, unsoziale oder sogar gewalttätige Männer und Frauen. Dass Behinderung nur als Verschiedenheit aufgefasst wird, das ist ein Ziel, um das es uns gehen muss…“

Eine Gesellschaft, die eine Behinderung im positivsten Sinne als Verschiedenheit wahrnimmt darf nicht zulassen, dass Behinderungen als abwertende Schimpfwörter benutzt werden. Wir müssen schon den Kindern in den Schulen beibringen, dass ein Leben mit Behinderung den gleichen Wert besitzt, wie ein Leben ohne Behinderung. Es braucht Menschen, die überall dort, wo sie eine Abwertung von Menschen mit Behinderung wahrnehmen ihre Stimme erheben und zeigen, dass solch ein Verhalten nicht in Ordnung ist. Ich würde mir wünschen, dass Menschen in der Straßenbahn aufstehen und protestieren, wenn sie Sätze wie „Bist du behindert?“ hören. Es braucht aber auch Menschen mit Behinderung selbst, die nicht müde werden im Betonen, dass es falsch ist eine Behinderung als Beleidigung zu benutzen. Falsch deshalb, weil ein Leben mit Behinderung genauso wundervoll und genauso lebenswert ist wie ein Leben ohne Handicap. Wir Menschen mit Behinderung müssen gleichermaßen dazu beitragen, dass von Weizsäckers Zielvorstellung von einer Gesellschaft in der Behinderung nur noch als Verschiedenheit wahrgenommen wird wahr werden kann. Wir müssen den Menschen ohne Handicap wieder und wieder sagen und zeigen, dass wir es nicht in Ordnung finden, wenn die Behinderung, die Teil unserer Mentalität ist, abwertend als Beleidigung missbraucht wird.

Der ein oder andere mag diese Überlegungen vielleicht als unnötig oder als rein ideologisch motivierten Kampf um political correctness halten. Jedoch verkennen diese Ansichten den wahren Kern der Frage. Hier geht es nicht um die rein sprachliche Ebene , sondern vielmehr um Menschen und die Akzeptanz von Unterschieden.

Als bekennender Christ bin ich der festen Überzeugung, dass ich auch mit meiner Blindheit Teil von Gottes Schöpfung bin. Gott als Schöpfer macht keine Unterschiede in wertvolles und unwertes Leben. Ich glaube fest daran, dass jedes Lebewesen und die gesamte Schöpfung mit unglaublich großer Liebe erschaffen wurde. Und aus dieser Motivation heraus stehe ich auf und wehre mich gegen jegliche Abwertung meines Lebens aufgrund meiner Behinderung.

Ein Kommentar zu „„Bist du behindert?“ – Ja und?

  1. Ganz toll geschrieben und so wahr! Nur leider werden Menschen, die solche Sprüche reißen diesen Artikel entweder garnicht erst lesen oder nicht verstehen. Behinderung geht meistens nicht mit geistiger Einschränkung einher, Vorurteile schon.

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