Den Meisten sind sie wahrscheinlich schon mal irgendwo begegnet. Auf Medikamentenverpackungen oder in Bahnhöfen an Aufzügen oder Geländern. Komische Punkte, die unterschiedlich angeordnet sind. Dass diese Punkte Buchstaben und Zahlen darstellen sollen, ist für viele unvorstellbar.

Doch in vielen Ländern gilt der 4. Januar als Weltbrailletag. Was es damit auf sich hat, warum es gerade der 4. Januar ist und welche Bedeutung die Blindenschrift in der heutigen Zeit noch hat, lest ihr hier.

Den Weltbrailletag gibt es seit 2001. Er ist nach dem Erfinder der Blindenschrift Louis Braille benannt. Der 4. Januar wurde als Ehrentag der Blindenschrift gewählt, da es der Geburtstag von Louis Braille ist.

Louis Braille erblickte am 4. Januar 1809 das Licht der Welt. Mit vier Jahren verletzte er sich in der Werkstatt seines Vaters schwer am Auge und erblindete. Doch Resignation kam für den jungen Franzosen nicht in Frage. Mit 16 Jahren entwickelte er ein Schriftsystem, welches für blinde Menschen fühlbar war. Dieses System besteht aus sechs Punktefeldern. Jedes Feld besteht aus zwei senkrecht verlaufenden Dreierreihen. Je nach Anordnung der Punkte ergeben sich Buchstaben, Satzzeichen und Zahlen. Für Zahlen werden die Buchstaben A bis J verwendet. Um unterscheiden zu können, ob im Text Buchstaben oder Zahlen vorkommen, muss vor jeder Zahl ein bestimmtes Zeichen gesetzt werden, was dem Leser anzeigt, dass es sich um eine Zahl handelt. Aber Braille ging sogar noch einen Schritt weiter und entwickelte mit seiner Blindenschrift auch ein Notensystem für Musiker.

Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Blindenschrift zum internationalen Standard für blinde und sehbehinderte Menschen, wenn es um das geschriebene Wort geht. Mittlerweile wurden verschiedene Varianten der Blindenschrift entwickelt . So gibt es neben der Standardvariante (auch Vollschrift genannt) und der Notenschrift auch eine Kurzschrift und das sogenannte Computerbraille. Die Kurzschrift ähnelt stark der Stenografie für Sehende. In der Kurzschrift wird nicht mehr jedem Buchstaben ein Zeichen zugeordnet, wie es in der Vollschrift üblich ist, vielmehr steht ein Zeichen nun für mehrere Buchstaben oder sogar für ganze Wörter.

Bei der Computerbraille wird das Sechs-Punktesystem von Louis Braille um zwei weitere Punkte ergänzt. Statt zwei Dreier-Reihen hat man nun zwei Vierer-Reihen in einem Feld. Auch diese Variante sorgt dafür, dass weniger Zeichen verwendet werden müssen und die Texte somit kürzer werden. So braucht man für Zahlen nicht mehr ein vorangestelltes Zahlenzeichen, sondern fügt dem Buchstaben einfach einen der ergänzten Punkte hinzu. Auch das Markieren oder Unterstreichen von Wörtern ist durch die Erweiterung möglich, da die Punkte sieben und acht als Linie verwendet werden können.

Wie der Name Computerbraille bereits vermuten lässt, findet diese Variante vor allem in Verbindung mit einem Computer oder Laptop Anwendung. Arbeiten blinde Menschen an einem Computer, können sie ein bestimmtes Gerät, welches sich Braillezeile nennt, an den Computer anschließen. Dieses Gerät wandelt dann alles, was auf dem Bildschirm zu sehen ist, in Blindenschrift um. Hier wird in der Regel das Computerbraille verwendet. Neuerdings gibt es auch Braillezeilen, die sich via Bluetooth mit einem Smartphone oder Tablet verbinden lassen.

Die Kurzschrift ist in der Regel außerhalb der digitalen und technisierten Welt die bevorzugte Variante. Das liegt vor allem daran, dass ein Blindenschriftzeichen wesentlich größer sein muss, als ein Schriftzeichen für Sehende, damit es überhaupt ertastet werden kann. Des Weiteren sollte das Papier wesentlich dicker als gewöhnliches Schreibpapier sein, damit sich die Punkte gut lesbar durch das Papier drücken können. Zwangsläufig entstehen so schnell ziemlich dicke, schwere und unhandliche Bücher. Mit der Kurzschrift lassen sich die Texte zumindest ein wenig abkürzen.

Und die Zukunft der Blindenschrift?

Viele sehen mit dem Beginn des digitalen Zeitalters und der immer besser funktionierenden Vorlesehilfen und Texterkennungsprogrammen für Blinde das Ende der Blindenschrift kommen. Argumentiert wird damit, dass heutzutage sowieso niemand mehr Bücher lesen würde und das Bücher für blinde Menschen ohne hin viel zu unhandlich und teuer wären. Braillezeilen hingegen seien aufgrund von Vorlesesystemen überflüssiges Gepäck, ebenfalls zu teuer und zu unhandlich. Ähnlich der Debatte, ob Kinder in der Grundschule das Schreiben nur noch nach Gehör lernen sollen, gibt es auch unter den Blinden eine lebhafte Debatte darüber, ob man in der Schule anstatt der Blindenschrift nur noch die Bedienung eines Computers erlernen sollte. Vergessen wird bei dieser Diskussion jedoch, dass die Blindenschrift auch in der heutigen Zeit noch einen unglaublich großen Wert für blinde Menschen hat. Mein Vorlesesystem am Computer mag zwar gut funktionieren, jedoch ermöglicht es mir nicht einen geschriebenen Text auf Rechtschreibfehler zu überprüfen. Ich brauche weiterhin den Text in Blindenschrift, um zu erkennen, ob ich beispielsweise das Wort Hahn mit oder ohne H nach dem A geschrieben habe. Und auch bei Beschriftungen von Medikamentenverpackungen, Aufzügen, wichtigen Räumen in Gebäuden oder an Bahnsteigen halte ich die Blindenschrift für unverzichtbar.

Meiner Meinung nach müssten solche Beschriftungen sogar noch deutlich ausgeweitet werden; auf Lebensmitteln, Straßenschilder oder Haustürschilder von Verwaltungsgebäuden und anderen wichtigen Einrichtungen des öffentlichen Lebens. Außerdem erfreue ich mich immer wieder, wenn ich zwischendurch ein richtiges Blatt Papier mit einem geschriebenen Text in Blindenschrift in den Händen halten darf. Deshalb macht es mich auch sehr glücklich, dass die Universität Kassel in der Mensa auch in Zeiten von Anwendungen im Internet, die auch für blinde Menschen zugänglich sind, trotzdem einen Speiseplan in Blindenschrift und Papierform aufhenkt.

Weitere spannende und interessante Infos rund um die Blindenschrift kannst du unter anderem beim Deutschen Blinden und Sehbehindertenverband nachlesen.

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