Muss eine Wohnung von einem blinden Menschen besonderen Anforderungen entsprechen? Kann ein Blinder alleine kochen? Und laufen alle, die nichts sehen können auch in ihrer Wohnung mit Blindenstock herum? Diese und noch weitere Fragen beantwortet dieser Artikel.

Mal eben Brötchen beim Bäcker um die Ecke holen, einen Stadtbummel in der Innenstadt machen oder die Wohnung sauber putzen…Eigentlich ganz alltägliche Dinge, die nicht der Rede Wert sein sollten. Doch mit einer Behinderung können gerade diese Kleinigkeiten zur Herausforderung werden. In der mehrteiligen Serie „Blind im Alltag“ zeige ich euch, wie man ohne sehen zu können die kleinen und großen Hürden des Alltags meistern kann und wo man wegen der Behinderung an seine Grenzen stößt.
Im ersten Teil geht es um das Thema Wohnen und Kochen.

Die Wohnung


Bei der Wahl der Wohnung gelten für blinde Menschen grundsätzlich die gleichen Bedingungen,wie für sehende Menschen. Das heißt, dass eine Wohnung nicht besonders groß, ebenerdig oder möglichst im Erdgeschoss sein muss. Natürlich haben blinde Menschen genau wie sehende Menschen ganz bestimmte Vorstellungen, wie ihr zu Hause sein soll. Die Blindheit spielt bei diesen Vorstellungen allerdings zumeist keine bedeutende Rolle.

Eigenschaften wie ein unverbauter Fernblick oder Blick ins Grüne sind für Blinde zumeist eben so uninteressant wie die Farbe der Hausfasade. Dafür sind für Blinde Dinge wie die akustische Atmosphäre im Wohnumfeld oder der Geruch wichtig.

Auch bei der Wahl des Wohnortes können die Prioritäten von blinden Menschen von denen der sehenden Menschen ein wenig abweichen. Da blinde und sehbehinderte Menschen weder mit dem Auto, noch alleine mit dem Fahrrad fahren können, sind sie noch viel stärker als die meisten anderen Menschen auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen. Diese Abhängigkeit kann mitunter die Suche nach dem richtigen Wohnort beeinflussen und einschränken. Die schönste Wohnung im schönsten Ort bringt Blinden nichts, wenn es keine Anbindungen mit Bussen oder Bahnen gibt.

Des Weiteren ist es für blinde und sehbehinderte Menschen wichtig, dass Einkaufsmöglichkeiten, Ärtzte und sonstige Einrichtungen des täglichen Bedarfs in der Nähe sind und der Weg dort hin möglichst barrierefrei ist. Liegt beispielsweise zwischen der Wohnung und dem nächsten Supermarkt eine starkbefahrene Straße ohne barrierefreie Überquerungsmöglichkeit, kann dies ein Grund sein, sich eine günstiger gelegene Wohnung zu suchen.

Die Inneneinrichtung


Bei der Einrichtung gibt es für blinde Menschen in der Regel keine besonderen Einschränkungen. Auch hier gilt: Jeder hat ganz bestimmte Vorstellungen von einer schön eingerichteten Wohnung. Die Orientierung in den eigenen vier Wänden klappt bei blinden Menschen im übrigen genau so gut wie bei sehenden Menschen. Der Blindenstock landet beim Betreten der Wohnung in der Regel sofort in einer Ecke und wird erst wieder benötigt, wenn die Wohnung verlassen wird.

Das alle blinden Menschen super ordentlich sind ist ein Vorurteil, was so definitiv nicht stimmt. Zwar ist ordnunghalten für blinde Menschen zumeist von Vorteil, aber manchen fällt es leichter Ordnung zu halten als anderen. In der Regel gibt es jedoch ganz bestimmte Dinge, die ein Blinder immer sofort griffbereit hat. Hierzuzählen Sachen, wie der Blindenstock, der Geldbeutel mit Behindertenausweis oder das Handy.
Wohnen mehrere Menschen mit einem Blinden zusammen, sollte jedoch darauf geachtet werden, dass Gegenstände nicht mitten in den Weg gestellt werden oder die Einrichtung der Wohnung unangekündigt verändert wird.

Auch blinde Menschen haben Sinn für eine schöne Dekoration und eine liebevoll gestaltete Wohnung. Zwar wird man in einer Wohnung von einem Blinden vielleicht weniger gemalte Bilder an den Wänden finden, aber dafür Dekogegenstände wie Blumen, Vasen, Nachbildungen von Sehenswürdigkeiten und andere Dinge, die sich gut ertasten lassen. Es gibt auch Kunst-Bilder, die so gestaltet sind, dass man sie ertasten kann. So lassen sich beispielsweise eine Strandlandschaft oder ein Berg auch reliefartig darstellen. Solche Bilder finden auch bei vielen Blinden großer Beliebtheit.

Kochen und Arbeiten in der Küche


Beim Kochen gibt es gleich mehrere Hürden, die überwunden werden müssen. Dies fängt bereits bei der Beschaffenheit der Küchengeräte an. So ist beispielsweise ein Induktionsherd zumeist nur sehr schwer zu bedienen, da man bei diesen Geräten in der Regel keine erhöhten Herdplatten mehr hat. Erhöhte Herdblatten sind für blinde Menschen jedoch sehr hilfreich, da man so viel besser herausfinden kann, ob sich ein Topf auf der Platte befindet oder nicht. Da man eine Herdplatte beim Kochen nicht anfassen kann, benutzen viele blinde und sehbehinderte Menschen einen Kochlöffel, um mit diesem die Position der Herdplatte zu bestimmen und sicherzustellen, dass der Topf oder die Pfanne richtig platziert ist. Der Kochlöffel wird dann ähnlich wie ein Blindenstock benutzt. Bei einem Induktionsherd ist mit einem Kochlöffel jedoch meist nicht festzustellen, wo genau die Herdplatte anfängt. So ist einerseits die Gefahr größer, dass man beim Kochen versehentlich auf die heiße Herdplatte fasst, da man die genaue Position nicht richtig bestimmen konnte. Andererseits kann es passieren, dass der Topf oder die Pfanne gar nicht oder nur teilweise auf der Herdplatte steht und das Essen nicht richtig warm wird. Problematisch ist, dass es immer weniger Küchen mit hervorgehobenen Herdplatten gibt. Meist gibt es nur noch ältere Auslaufmodelle, die nicht mehr in Serie produziert werden. Die modernen Küchenhersteller verzichten zumeist auf hervorgehobene Platten und machen blinden Menschen somit das Kochen immer schwerer.

Eine weitere Schwierigkeit liegt in der Bedienung der einzelnen Geräte. Heutzutage werden die aller meisten elektronischen Geräte nur noch über Touchscreen bedient. Diese sind für die meisten Menschen sehr nützlich. Jedoch sorgt er dafür, dass blinde Menschen viele Geräte gar nicht mehr benutzen können. Bei einem Touchscreen gibt es keine hervorgehobenen Knöpfe mehr, sondern nur noch eine flache Fläche mit den Bedinelementen. Da bei jeder Berührung des Screens sofort eine Aktion ausgeführt wird, können sich blinde und sehbehinderte Menschen nicht orientieren und wissen somit nicht, welches Bedienelement sich an welcher Stelle befindet. Ein solches Gerät ist für blinde Menschen unbrauchbar.
Ähnlich wie Küchen mit hervorgehobenen Herdplatten sind auch Geräte mit richtigen Tasten und Knöpfen immer seltener. Der Touchscreen gilt allgemein als einfachere und platzsparendere Alternative und wird sich auch und vor allem bei Haushaltsgeräten mehr und mehr durchsetzen.

Hat ein Herd oder eine Spülmaschine Knöpfe anstatt eines Touchscreens, heißt das jedoch noch lange nicht, dass blinde und sehbehinderte Menschen das Gerät problemlos benutzen können. Wenn man beispielsweise bei einem Herd eine bestimmte Heizstufe einstellen möchte ist es für blinde Menschen oftmals nicht möglich herauszufinden, auf welcher Stufe der Herd gerade eingestellt ist. Wenn es sich beim Temperaturregler um einen Drehknopf handelt, wäre die einfachste Methode, dass der Drehknopf über eine Einrastfunktion verfügt. Dies bedeutet, dass man beim Drehen des Knopfs jedesmal einen Wiederstand spürt, wenn die Stufe gewechselt wird. Doch leider verfügen nur die wenigsten Geräte über eine solche Einrastfunktion. Jedoch kann hier eine blinde Person selbst Abhilfe schaffen, in dem man den Drehknopf und die dazugehörige Skala mit selbstklebenden Makierungspunkten prepariert. So kann man beispielsweise bei jeder, oder jeder zweiten Stufe einen Makierungspunkt anbringen, der einem bei der Orientierung und richtigen Einstellung behilflich ist.

Hat man die Schwierigkeiten mit den Geräten gelöst, kann man mit dem eigentlichen Kochen beginnen. Doch auch hier warten noch mehr wie genug Schwierigkeiten auf eine blinde Person. So sollte man in der Küche unbedingt auf eine gewisse Grundordnung achten. Des Weiteren sollten Lebensmittel und Gewürze markiert und nach Möglichkeit mit Blindenschrift beschriftet werden, damit man auch als Blinder Salz und Zucker unterscheiden kann. Alternativ zur Beschriftung kann man die Lebensmittel und Gewürze auch in andere Behältnisse umfüllen und für jedes Lebensmittel ein anderes Behältnis wählen.
Eine weitere Schwierigkeit liegt im Kochen nach Rezept. Bei vielen Produkten steht das Rezept oder die Kochdauer lediglich in Schwarzschrift auf der Verpackung und ist somit für blinde und sehbehinderte Menschen nicht lesbar. Um diese Hürde zu nehmen gibt es mehrere Möglichkeiten.
Zum einen kann man im Internet nach dem entsprechenden Produkt oder dem gewünschten Rezept suchen. Dies führt oftmals zum gewünschten Erfolg.
Der Vorteil hierbei ist, dass sich eine blinde Person so ohne jede Hilfe von anderen Personen selbst helfen kann und unabhängig ist.
Der Nachteil ist, dass es mitunter ziemlich lange dauern kann, bis man das Richtige im Internet gefunden hat und die entsprechende Seite eventuell nicht barrierefrei ist. In diesem Fall hat man viel Zeit in die Suche investiert und muss anschließend feststellen, dass es ohne Hilfe doch nicht geht.

Eine weitere Möglichkeit ist, den Text auf der Verpackung mit dem Smartphone einzuscannen und sich über den Screenreader vorlesen zu lassen. Mit dieser Methode ersparrt man sich zwar das mühevolle suchen im Internet, jedoch arbeiten die Scanapps leider nicht immer zuverlässig und führen des Öfteren nicht zum Ziel.

Eine sehende Person zu bitten einem den Text vorzulesen ist, zumeist die sichere und effektivere Variante. Allerdings ist beim Kochen nicht immer eine sehende Person dabei. Dieses Problem lässt sich jedoch mit der App „Be My Eyes“ lösen. Be my Eyes ist eine Plattform, bei der sich sowohl blinde als auch sehende Menschen anmelden können. Über die dazugehörige App können sich blinde Menschen über das Mikrofon und die Kamera des Smartphones mit einer sehenden Person verbinden. So kann ich die Verpackung in die Kamera halten und die sehende Person liest mir das Rezept vor.

Steht der Topf dann letztlich mit den richtigen Zutaten auf der Herdplatte kann eine weitere Hürde darin liegen, möglichst nicht mit dem heißen Topf in Berührung zu kommen. Hier kann wieder der Kochlöffel behilflich sein, mit dem man sich gut orientieren kann und einen Sicherheitsabstand wahren kann.
Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, herauszufinden, ob das gekochte Essen bereits fertig ist oder noch einen Moment benötigt. Blinde Menschen können nicht an der Farbe erkennen, ob das Essen fertig ist. Hier hilft nur der Geruchssinn und ein wenig Intuition.

Abschließend lässt sich sagen, dass Kochen für blinde Menschen zwar möglich ist, aber mit einigen Herausforderungen verbunden ist. Vermutlich hat jeder seine ganz eigenen Tricks um diese Hürden möglichst stressfrei zu nehmen. Mit der Zeit findet man auch sehr gut heraus, was einem beim Kochen eher hilft und was nicht.

Im nächsten Teil der Serie „Blind im Alltag“ geht es um die Themen Putzen und weitere Arbeiten im Haushalt.

Ein Kommentar zu „Blind im Alltag: Wohnen und Kochen

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