„Johannes, wie weißt du eigentlich, ob deine Freundin schön ist, wenn du sie gar nicht sehen kannst ?“ Diese Frage, die mir neulich gestellt wurde, ist entwaffnend ehrlich. Sie zeigt aber auch, wie sehr wir als Gesellschaft gelernt haben, Attraktivität an Pixeln, Filtern und dem ersten flüchtigen Blick festzumachen. Seit vier Monaten bin ich nun mit meiner Freundin zusammen. Wir sind beide blind – und gerade diese gemeinsame Dunkelheit hat mir eine völlig neue Sicht darauf geschenkt, was uns Menschen wirklich anziehend macht.
Zwischen Gänsehaut-Stimmen und dem Duft von Heimat
Oft begegnet mir das Klischee, wir blinden Menschen seien völlig frei von Oberflächlichkeit und würden „nur mit dem Herzen sehen“. Doch die Wahrheit ist viel menschlicher: Auch ich achte auf Äußerlichkeiten, nur funktionieren meine Sinne eben ohne Augenlicht.
Schönheit beginnt für mich mit einem „Hallo“. Eine Stimme kann lächeln, sie kann Wärme ausstrahlen oder eine ganz eigene Melodie besitzen, die für mich attraktiver ist als jedes Foto. Dazu kommt der Geruch – ein völlig unterschätzter Faktor, der mir unterbewusst sagt, ob die Chemie zwischen uns stimmt. Und schließlich ist da der Händedruck: Wie fühlt sich die Hand an? Ist sie warm, weich oder fest?. Diese Sinneseindrücke sind mein „erster Blick“. Sie sind der Türöffner, aber ich weiß auch: Eine schöne Stimme ist am Ende nur die Einladung, den Charakter dahinter kennenzulernen. Denn Attraktivität mag uns zusammenführen, aber nur die inneren Werte lassen uns bleiben.
Körperlichkeit: Ein Weg, der Vertrauen braucht
Ein Thema, das viele Menschen umtreibt, aber oft nur leise gefragt wird, ist die körperliche Intimität. Wie finden sich zwei blinde Menschen zurecht, wenn das visuelle Feedback fehlt?. Die Antwort liegt in einer ganz besonderen Form der Achtsamkeit und es gegenseitigen Respekts.
Unsere romantischen und sexuellen Gefühle sind exakt dieselben wie bei Sehenden. Der Weg zur Nähe ist bei uns jedoch ein anderer: Alles basiert auf tiefem Vertrauen und gegenseitigem Einvernehmen. Wir können niemanden aus der Ferne „scannen“. Wenn wir uns nahekommen, entdecken wir den Körper des Partners mit dem Tastsinn – ein sehr bewusster, respektvoller Prozess. Wir finden unseren Weg im Team, ganz unabhängig vom Sehvermögen, weil Liebe viel zu groß ist, um nur mit den Augen wahrnehmbar zu sein. Aber dieses Teamwork funktioniert nur, wenn die Basis stimmt: Die Augenhöhe.
Warum Liebe keine Hierarchien braucht
In vielen christlichen Kreisen wird noch immer leidenschaftlich über die „Unterordnung“ der Frau diskutiert. Ich positioniere mich hier ganz klar gegen solche Modelle, die den Mann als alleinigen Entscheider sehen. Wenn ich die biblischen Stellen zum Thema Beziehung und Rollenverständnis aufmerksam Lese und ernst nehme, Kann ich persönlich nur zu dem Ergebnis kommen, Dass eine Liebesbeziehung von Anfang an auf Augenhöhe, dem gegenseitigen unterordnen, einem respektvollen Miteinander und gegenseitiger Fürsorge gemeint ist.
Meine Blindheit ist dabei mein strengster Lehrer und bewahrt mich vor einer Theologie, die Macht über Partnerschaft stellt. Jeden Tag erlebe ich, dass ich als Mann eben nicht vollkommen bin; ich brauche Hilfe und Unterstützung. Wenn ich so tun würde, als wüsste ich alles besser, nur weil ich ein Mann bin, würde mein Alltag sofort zusammenbrechen. In meiner Beziehung mit Sophie gibt es keinen „Chef“, sondern wir ergänzen uns dort, wo der andere eine Herausforderung hat. Wir sind beide gleichberechtigt, weil wir wissen, dass wir nur als Team auf Augenhöhe sicher vorankommen.
Ein Anker in der Valentinstags-Flut
Dieses Prinzip der Augenhöhe verändert am Ende auch den Blick auf den eigenen Wert. Gerade jetzt am Valentinstag fühlen sich viele Menschen unvollständig, weil die Welt uns einredet, wir bräuchten ein Gegenüber, um „ganz“ zu sein.
Doch die wichtigste Botschaft ist: Dein Wert ist kein Kontostand, der durch eine Beziehung wächst. Gott hat dich genau so gewollt – mit deiner Stimme, deinem Gesicht und auch mit deinem Single-Status. Du bist geliebt, noch bevor du eine Hand hältst. Diese „kleine Pflanze der Hoffnung“ möchte ich dir mitgeben: Du bist liebenswert, unabhängig von jedem Datum im Kalender.
Drei Gedanken aus der Tiefe dieser Folge
Hier sind drei Kerngedanken, die wir in der Episode ausführlich besprechen:
Die Sinne jenseits der Optik: Wir unterhalten uns darüber, warum die Stimme und der Geruch oft viel ehrlichere Ratgeber für echte Anziehung sind als das bloße Aussehen, aber letztlich trotzdem nur oberflächlich bleiben.
Das Geschenk der Abhängigkeit: Ich erkläre, warum meine Blindheit mir dabei hilft, theologische Machtansprüche loszulassen und Partnerschaft stattdessen als echtes Teamwork auf Augenhöhe zu begreifen.
Wert ohne Beziehungsstatus: Wir gehen der Frage nach, warum dein Wert als Mensch nicht sinkt, wenn du den Valentinstag alleine verbringst, und warum Gott deinen Schmerz über die Einsamkeit absolut versteht.
Bist du bereit, die Liebe einmal ganz ohne Bilder zu betrachten? Dann nimm dir jetzt die Zeit für die ganze Geschichte.
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