Gottesdienst ohne Barrieren: Ein praktischer Leitfaden für Inklusion und echte Gastfreundschaft

Stell dir einen Ort vor, an dem wirklich jeder Mensch willkommen ist – ganz egal, wie er sich bewegt, wie er hört, welche Sprache er spricht, wie er aussieht oder wie viel Energie er gerade hat. Inklusion ist viel mehr als nur eine Rampe aus Beton; sie ist ein mutiges „Ja“ zu jedem einzelnen Menschen und eine Einladung, Gottes Vielfalt gemeinsam zu feiern. In diesem Leitfaden soll euch als Gemeinde mit viel Wärme und praktischen Tipps zeigen, wie eure Gemeinde zu einem Ort werden kann, an dem Barrieren fallen und Herzen sich öffnen. Es ist ein Weg, der sich lohnt, weil am Ende alle ein Zuhause finden.

Der Leitfaden ist nicht als Checkliste gedacht, die ihr streng und stur abarbeiten müsst, sondern als Ideengeber und Hilfestellung gemeint, die auch keineswegs vollständig ist und Schritt für Schritt erweitert werden kann.

Warum Inklusion das Herzstück des Evangeliums ist

Wenn wir in die Bibel schauen, sehen wir, dass Jesus niemanden am Rand stehen ließ. Er ist genau zu den Menschen gegangen, die damals oft übersehen oder sogar weggeschickt wurden. Für Jesus gab es keine Bedingungen, um dazuzugehören – und genau das darf auch das Kennzeichen unserer Gemeinden sein.

Inklusion bedeutet ganz einfach: Wir lieben unseren Nächsten so, wie er ist. Das ist kein optionales Extra, sondern ein direkter Auftrag. Paulus schreibt im Brief an die Römer:

„Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“ (Römer 15,7)

Dieser Vers erinnert uns daran, dass Gottes Annahme grenzenlos ist. Wenn Christus uns mit all unseren Fehlern, Zweifeln und unterschiedlichen Voraussetzungen annimmt, wie könnten wir dann Türen für andere verschlossen halten? Inklusion ist die gelebte Antwort auf diese göttliche Gastfreundschaft. Wir dürfen uns daran erinnern, dass jeder von uns von Gott ganz bewusst und liebevoll gewollt ist, wie es im Psalm 139 so wunderschön heißt:

„Ich danke dir dafür, dass ich so wunderbar und einzigartig gemacht bin! Großartig ist alles, was du geschaffen hast – das erkenne ich!“ (Psalm 139,14)

Wenn wir diesen Vers ernst nehmen, dann bedeutet das: Jede Behinderung, jede Herkunft und jede Lebensgeschichte ist Teil dieses wunderbaren Planes. Niemand ist weniger wert oder weniger wichtig.

In einer Welt, in der man oft schnell, fit und perfekt sein muss, darf die Kirche ein Ort der Ruhe und der bedingungslosen Annahme sein. Wir sind ein Leib, der aus vielen verschiedenen Teilen besteht. Im ersten Korintherbrief heißt es dazu in der Übersetzung der „Hoffnung für alle“:

„Vielmehr sind gerade die Teile des Körpers, die schwächer und unbedeutender erscheinen, besonders wichtig.“ (1. Korinther 12,22)

Das ist ein radikaler Perspektivwechsel: Ein Mensch mit Behinderung, einer chronischen Krankheit oder jemand, der sich fremd fühlt, ist kein „Objekt der Fürsorge“, sondern ein unverzichtbarer Teil des Ganzen. Ohne diese Vielfalt ist der Leib Christi nicht vollständig. Wenn wir Barrieren abbauen, dann tun wir das nicht, um eine Liste abzuhaken. Wir tun es, weil wir glauben, dass jeder Mensch ein wertvolles Ebenbild Gottes ist.

Jeder Gast, der durch unsere Tür kommt, bringt ein besonderes Geschenk mit: seine ganz eigene Geschichte und seine Sicht auf die Welt. Indem wir Hindernisse aus dem Weg räumen – seien sie baulich, sprachlich oder in unseren Köpfen –, machen wir Gottes Liebe für alle greifbar und erlebbar. Es ist ein wunderbarer Weg, den wir gemeinsam gehen dürfen – Schritt für Schritt, mit viel Geduld und einem weiten Herzen.

Die digitale Einladung: Eure Website als offenes Tor und sicherer Hafen

stellt euch vor, eure Website ist wie die Haustür zu eurem digitalen Wohnzimmer. Bevor ein Gast den ersten echten Schritt in eure Kirche wagt, schaut er meistens erst einmal online bei euch vorbei – ganz besonders dann, wenn er unsicher ist, ob er bei euch „hineinpasst“. Für Menschen mit Behinderungen, für Gäste aus anderen Kulturen oder für Suchende, die noch nie eine Kirche besucht haben, ist eure Website der Ort, an dem Vertrauen wächst oder Barrieren im Kopf entstehen.

Damit eure Besucher sich sicher und willkommen fühlen, ist es unglaublich wertvoll, wenn ihr eine eigene Unterseite mit dem Titel „Dein Besuch bei uns“ gestaltet. Schreibt dort ganz offen und detailliert auf, was einen Gast erwartet: Gibt es einen stufenlosen Zugang für den Rollstuhl oder den Kinderwagen? Welche Haltestellen des öffentlichen Nahverkehrs sind in der Nähe und wie heißen sie genau? Wie komme ich vom ÖPNV zum Gottesdienst? Beschreibt den Weg so detailliert und ausführlich wie möglich, damit auch blinde Menschen die Möglichkeit haben, den Weg vom Bus oder der Bahn bis zur Eingangstür zu finden. versuch dabei, so viele markante Orientierungspunkte wie möglich zu nennen, beispielsweise eine Straßenüberquerung, Laternenmast, Brunnen etc. Je konkreter ihr seid, desto mehr nehmt ihr den Menschen die Schwellenangst.

Jemand, der noch nie einen Gottesdienst besucht hat, hat vielleicht auch Fragen wie welche Kleidung muss ich in einem Gottesdienst anziehen? Kostet der Besuch im Gottesdienst Geld? muss ich irgendetwas mitbringen? Muss ich mich an irgendwelchen Aktivitäten beteiligen oder darf ich einfach nur zuschauen? Die Beantwortung all dieser Fragen kann helfen, dem Besuchenden den Zugang und das Ankommen in eurer Gemeinde wesentlich leichter zu machen.

Ein Foto mit Bildbeschreibung vom Eingang oder ein kleiner Hinweis, dass die schwere Kirchentür während der Ankunft offensteht oder jemand beim Öffnen hilft, wirkt wie ein herzliches Lächeln schon vor dem ersten Treffen.

Ganz besonders wichtig ist ein persönlicher Ankerpunkt: Nennt einen Namen und eine Kontaktmöglichkeit von jemandem aus eurem Team, an den man sich vorab ganz unkompliziert wenden kann. Vielleicht braucht eine blinde Person noch ein paar Details zum Fußweg vom Bus, oder jemand mit chronischen Schmerzen möchte wissen, ob es eine Ecke gibt, in der man sich kurz ausruhen kann. Wenn ihr schreibt: „Melde dich gerne bei unserer Diakonin Erika Mustermann unter dieser Nummer, sie hilft dir bei allen Fragen rund um dein Ankommen“, dann signalisiert ihr: „Wir haben mit dir gerechnet, und du bist uns wichtig.“ Das schenkt euren Gästen die Freiheit, sich nicht als „Last“ zu fühlen, sondern als geliebter Gast, für den bereits alles vorbereitet ist.

Der Weg zu uns: Eine Wegbeschreibung, die an die Hand nimmt

Eine gute Wegbeschreibung auf eurer Website ist so viel mehr als nur eine Adresse bei Google Maps. Sie ist wie eine freundliche Stimme, die eure Gäste schon an der Bushaltestelle oder am Parkplatz abholt und ihnen sagt: „Keine Sorge, ich zeige dir den Weg.“ Besonders für blinde Menschen, Personen mit Sehbehinderungen oder Menschen, die sich in fremden Umgebungen schnell unsicher fühlen, ist eine detailreiche und bildhafte Beschreibung ein riesiges Geschenk der Freiheit. Wenn ihr den Weg beschreibt, nutzt Worte, die man „spüren“ und „hören“ kann, damit eure Gäste sich sicher orientieren können, ohne ständig jemanden um Hilfe bitten zu müssen.

Fangt ganz konkret an: Nennt die genauen Namen der Haltestellen des öffentlichen Nahverkehrs und erklärt den Fußweg von dort aus Schritt für Schritt. Schreibt zum Beispiel: „Wenn ihr aus dem Bus der Linie 10 aussteigt, haltet euch links und geht etwa 50 Meter geradeaus, bis ihr das Kopfsteinpflaster spürt; dort biegt ihr rechts in den kleinen Kirchweg ein.“ Erwähnt auch markante Punkte, die man hören oder fühlen kann, wie einen plätschernden Brunnen oder eine große Hecke. Erklärt bitte auch ganz offen, ob es Steigungen gibt, ob der Weg gut beleuchtet ist oder ob es zwischendurch eine Bank zum Ausruhen gibt – das hilft Menschen mit körperlichen Einschränkungen oder Long COVID enorm bei ihrer Planung.

Informiert außerdem über Parkmöglichkeiten, Behindertenparkplätze, Fahrradstellplätze und Ähnliches.

Da eine Beschreibung allein manchmal trotzdem Fragen offen lässt, ermutigt eure Gäste, sich bei Unklarheiten vorab zu melden. Schreibt dazu: „Wir wissen, dass der Weg manchmal knifflig sein kann. Wenn du dir unsicher bist, ruf uns gerne an oder schreib uns eine Nachricht. Wir erklären dir die Details am Telefon oder holen dich auch gerne an der Haltestelle ab, wenn du das möchtest.“ Damit signalisiert ihr als Gemeinde: Eure Ankunft ist uns wichtig, und wir lassen euch auf den letzten Metern nicht allein. So wird der Weg zur Kirche nicht zur Stressfalle, sondern zum ersten Teil einer herzlichen Einladung, bei der sich jeder Gast sicher und an die Hand genommen fühlt.

Das Ankommen und die erste Orientierung: Ein herzliches Willkommen als Brücke

Wenn ein Gast eure Schwelle überschreitet, entscheidet sich oft in den ersten Augenblicken, ob er sich als Teil der Gemeinschaft fühlt oder als Fremdkörper. Das Ankommen ist für viele Menschen die größte emotionale Hürde: Ein großes Gemeindehaus mit vielen Türen, Gängen und Stimmen kann wie ein Labyrinth wirken, besonders wenn man zum ersten Mal da ist oder sensorische Einschränkungen hat. Ein engagiertes Willkommensteam ist hier der wichtigste Wegweiser, denn es geht darum, Ordnung vor Stil zu setzen, damit niemand suchen muss.

Was blinde Menschen und Rollstuhlfahrer brauchen:

Für blinde Menschen ist die räumliche Orientierung in einem unbekannten Gemeindehaus eine große Herausforderung, weshalb eine klare Führung zum Sitzplatz oder zur Garderobe essenziell ist. Fragt freundlich: „Darf ich dir meinen Arm anbieten oder soll ich dir den Weg zum Gottesdienstraum beschreiben?“, denn Selbstbestimmung ist ein hohes Gut. Achtet darauf, den Weg frei von Hindernissen wie abgestellten Werbeaufstellern oder Dekoration zu halten. Rollstuhlfahrer benötigen nicht nur Informationen über stufenlose Zugänge oder Aufzüge, sondern oft auch Hilfe bei schweren Brandschutztüren, die allein kaum zu bewältigen sind. Falls euer Haupteingang Stufen hat, sorgt dafür, dass der barrierefreie Nebeneingang nicht wie ein „Lieferanteneingang“ wirkt, sondern ebenso freundlich beschildert und beleuchtet ist.

Wenn ihr eine blinde Person durch eure Räumlichkeiten führt, fragt sie, ob sie detailliertere Beschreibungen benötigt, wie zum Beispiel wie der Gottesdienstraum gestaltet ist. Falls es in eurer Kirche Gesangbücher und Liedblätter in Blindenschrift gibt, macht blinde Gäste darauf aufmerksam oder auf digitale Dokumente. Beschreibt, wie der Alter Raum gestaltet ist oder ob beispielsweise das Gottesdienst Tema auf einer Leinwand steht oder ob es sonstige Informationen gibt, die nur visuell wahrgenommen werden können. bietet an, dass ihr auch während des Gottesdienstes als Ansprechpartner zur Verfügung steht und sich eure Gäste per Handzeichen melden können.

Was ausländische Gäste und Menschen ohne Kirchengemeinde-Erfahrung brauchen:

Menschen, die gerade erst Deutsch lernen oder noch nie einen Gottesdienst besucht haben, brauchen jemanden, der ihnen kurz erklärt, wo sie das Programm finden und dass es völlig okay ist, einfach zuzuschauen, ohne die geheimen Regeln der Liturgie zu kennen. Wenn ihr als Gemeinde einen Ablaufplan wie ein typischer Gottesdienst bei euch abläuft habt Hilft das euren Gästen enorm bei der Orientierung und zu verstehen, was als Nächstes während eines Gottesdienstes passiert. hab den Gottesdienstablauf nicht nur als Papierform, sondern auch als barrierefreies PDF Dokument am besten prominent auf eurer Website platziert oder so, dass ein Gast dieses Dokument möglichst schnell bekommen kann. Wenn ihr diesen Ablauf in anderen Sprachen wie beispielsweise auch auf Englisch anbietet, ist das für ausländische Menschen, die gerade erst Deutsch lernen einfacher und sendet ein Signal von egal welche Sprache du sprichst fühl dich herzlich willkommen und gesehen. Im Zeitalter von künstlicher Intelligenz ist es relativ unkompliziert ein Dokument, was es bisher nur in deutscher Sprache gab in Sprachen wie Englisch, Spanisch, portugiesisch, Italienisch, französisch, Türkisch oder auch jede andere Sprache zu übersetzen. vielleicht gibt es in eurer Gemeinde ja auch Menschen, die neben Deutsch noch weitere Sprachen sprechen und sich bereit erklären, aktiv auf ausländische Menschen zuzugehen und sie in ihrer Muttersprache zu begrüßen.

Benutzt hierbei kurze, einfache und bildhafte Sätze. Ein kleiner „Fahrplan“ für den Gottesdienst in einfacher Sprache hilft ihnen, sich nicht verloren zu fühlen. Ein freundlicher Hinweis wie: „Wir singen jetzt aus diesem Buch, die Nummer steht dort oben“, baut Brücken für alle, die mit euren Traditionen nicht vertraut sind.

Was Menschen mit unsichtbaren Behinderungen brauchen:

Ein inklusives Willkommen bedeutet auch, die unterschiedlichen Bedürfnisse nach Nähe und Distanz zu respektieren. Während manche Gäste sich nach einem Gespräch sehnen, fühlen sich andere – etwa Menschen mit neurodivergenten Profilen oder Long COVID – von zu vielen neuen Stimmen und Reizen schnell überfordert. Signalisiert eurem Team, dass es wunderbar ist, jemanden einfach in Ruhe ankommen zu lassen, wenn er signalisiert, dass er erst einmal nur beobachten möchte. Bietet beim Finden des Sitzplatzes verschiedene Optionen an: Plätze am Rand für Menschen, die vielleicht öfter aufstehen oder den Raum unauffällig verlassen müssen, und Plätze mit guter Sicht oder Nähe zur Induktionsschleife für Menschen mit Hör- oder Sehbehinderungen.

Was die Gemeinde tun kann:

Schult euer Willkommensteam darin, aufmerksam zu sein, ohne aufdringlich zu wirken. Es geht um eine ehrliche Haltung, die sagt: „Schön, dass du da bist, wir haben einen Platz für dich reserviert“. Ladet Menschen bewusst ein, nach dem Gottesdienst noch für ein Gespräch zu bleiben, aber akzeptiert es ebenso wertschätzend, wenn jemand erst einmal für sich sein möchte. So schafft ihr eine Willkommenskultur, die nicht nur laut „Hallo“ sagt, sondern die Bedürfnisse jedes Einzelnen leise und liebevoll im Blick hat.

Räume der Erholung und Flexibilität: Geborgenheit während des Gottesdienstes

Ein Gottesdienst ist ein Fest der Sinne, der geistlichen Erfahrung und der Begegnung mit Gott – es gibt Musik, viele Stimmen, Kerzenlicht und eine Gemeinschaft, die zusammenkommt. Doch was für die einen belebend wirkt, kann für andere eine große körperliche oder seelische Herausforderung sein. Menschen, die mit den Folgen von Long COVID oder chronischen Erschöpfungssyndromen leben, müssen oft sehr genau mit ihren Kräften haushalten, was man auch „Pacing“ nennt. Für sie, aber auch für Menschen mit chronischen Schmerzen oder neurodivergenten Bedürfnissen wie Autismus, kann das bloße Sitzen in einer harten Kirchenbank oder auf unbequemen Stühlen über eine Stunde hinweg zur unüberwindbaren Hürde werden.

Damit euer Gottesdienstraum wirklich für alle ein Ort der Kraft wird, ist es ein wundervolles Zeichen der Nächstenliebe, wenn ihr bewusste Rückzugsorte schafft. Überlegt einmal: Gibt es in eurem Raum eine Ecke oder einen angrenzenden Raum, den ihr mit bequemen Sesseln und Liegemöglichkeiten ausstatten könnt? Für manche Gäste ist die Möglichkeit, sich während der Predigt kurz hinzulegen oder die Beine hochzulegen, die einzige Chance, überhaupt bis zum Segen bleiben zu können. Ein solcher Bereich sollte nicht wie eine „Abstellkammer“ wirken, sondern liebevoll gestaltet sein – vielleicht mit einer Decke und einem Sichtschutz, damit sich niemand beobachtet fühlt, wenn der Körper eine Pause braucht.

Seid als Gemeinde vor allem auch sensibel und liebevoll, wenn Menschen das Bedürfnis nach Ruhepausen, Rückzugsorten und Möglichkeit, sich während der Predigt hinzulegen, fragen und dies dann im Gottesdienst auch tun.

Ermutigt eure Gemeinde auch durch kleine Hinweise im Ablauf, dass es völlig in Ordnung ist, die Position zu verändern oder den Raum kurz zu verlassen. Ihr könntet zum Beispiel sagen: „Fühlt euch frei, euch so zu setzen oder zu legen, wie es eurem Körper heute guttut.“ Für blinde Menschen oder Menschen mit Sehbehinderungen ist es zudem hilfreich, wenn diese besonderen Bereiche klar und einfach erreichbar sind, ohne dass man über Stolperfallen wie Dekoration oder Kabel stolpert. Denkt auch an ausländische Gäste oder Menschen, die zum ersten Mal bei euch sind: Erklärt kurz, dass diese Ruhezonen für jeden da sind, der einen Moment zum Durchatmen braucht.

Ein inklusiver Gottesdienst achtet darauf, dass niemand sich erklären muss, wenn er eine Pause braucht. Indem ihr diese Möglichkeiten schafft und sie auf eurer Website sowie bei der Begrüßung aktiv erwähnt, nehmt ihr den Druck von den Schultern eurer Gäste. Ihr signalisiert: „Wir wissen, dass das Leben nicht immer perfekt ist und dass eure Körper unterschiedliche Bedürfnisse haben. Hier dürft ihr einfach sein, so wie ihr seid.“ Damit setzt ihr genau das um, was der Kern des Evangeliums ist: Eine Gemeinschaft, die aufeinander achtet.

Sprache, die Brücken baut: Mit Bildern für die Ohren und klarer Herzlichkeit

Die Art und Weise, wie wir sprechen, kann entweder eine herzliche Einladung sein oder wie eine unsichtbare Mauer wirken. In unseren Gottesdiensten nutzen wir oft Begriffe, die für uns ganz vertraut sind, die aber auf Gäste, Menschen aus anderen Kulturen oder kirchenferne Besucher wie eine Geheimsprache wirken können. Wahre Gastfreundschaft bedeutet, so klar und einfach zu sprechen, dass die wertvolle Botschaft des Evangeliums für jeden verständlich wird. Das ist keine Abwertung der Theologie, sondern ein Akt der Liebe, damit niemand aufgrund von komplizierten Sätzen oder Fachbegriffen draußen vor der Tür stehen bleibt.

Die Kraft der Einfachheit und der Leichten Sprache

Menschen, die gerade erst Deutsch lernen, oder Personen mit kognitiven Einschränkungen brauchen Sätze, die kurz und bildhaft sind. Versucht, theologische „Fachwörter“ entweder ganz zu vermeiden oder sie direkt im nächsten Satz liebevoll und alltagsnah zu erklären. Wenn ihr beispielsweise von „Gnade“ oder „Versöhnung“ sprecht, gebt ein Beispiel aus dem täglichen Leben dazu, das jeder nachfühlen kann. Es ist eine wunderbare Übung für jeden Prediger, sich zu fragen: „Würde ich diesen Satz auch so auf der Straße zu einem Freund sagen?“. Klarheit vor Kreativität ist hier das wertvolle Motto, damit der Kern der Botschaft wirklich hängen bleibt.

Audiodeskription: Bilder für die Ohren malen

Ein Gottesdienst lebt oft von dem, was man sieht – das Licht der Kerzen, die Bewegungen am Taufbecken oder das Lächeln beim Friedensgruß. Blinde Menschen oder Menschen mit starken Sehbehinderungen hören in diesen Momenten oft nur eine Stille, die sie ausschließt. Ihr könnt hier zum „Brückenbauer“ werden, indem ihr kurz und warmherzig beschreibt, was gerade visuell passiert. Sagt zum Beispiel: „Ich zünde jetzt die große Osterkerze an, deren helles Licht nun den ganzen Altarraum erfüllt“ oder „Unser Chor stellt sich jetzt im Halbkreis auf und trägt bunte Schals“. Diese kleinen Hinweise lassen innere Bilder entstehen und schenken blinden Gästen das Gefühl, wirklich mitten im Geschehen zu sein, anstatt nur daneben zu stehen.

Diese Bildbeschreibungen könnt ihr auch wunderbar dazu nutzen, um zu erklären, warum ihr gerade beispielsweise die Osterkerze anzündet, wofür sie steht und welche Bedeutung einer Handlung, die wir im Gottesdienst gerade machen für unseren christlichen Glauben hat. damit nehmt ihr auch die Menschen mit, die zum ersten Mal in einem Gottesdienst sind und sich fragen, was das alles zu bedeuten hat, was gerade passiert.

Stellt euch, wenn ihr nach vorne geht, kurz mit Namen vor und mit eurer Rolle und Aufgabe im Gottesdienst und auch in der Gemeinde. gebt anschließend eine kurze Audiodeskription von eurem Aussehen.

Ihr könnt zum Beispiel sagen: hallo und herzlich willkommen, mein Name ist Max Mustermann, ich bin Diakon der Gemeinde. ich starte mit einer Audiodeskription zu meinem Aussehen: ich habe Blonde Haare und trage ein weißes T-Shirt und eine schwarze Hose, ich bin 1,80 m groß. Ende der Audiodeskription.

Wenn ihr Start- und Endpunkt der Audiodeskription klar benennt, hilft das Blinden und sehbehinderten Menschen, sich genau auf eure Beschreibungen zu konzentrieren und anderen Menschen eine klare Struktur während eurer Ansprache zu behalten.

Struktur als Geländer für die Seele

Besonders für Menschen mit Autismus oder für Besucher, die noch nie eine Kirche von innen gesehen haben, gibt ein klar strukturierter Ablauf enorme Sicherheit. Wenn ihr durch den Gottesdienst führt, erklärt kurz, was als Nächstes passiert: „Wir hören nun eine Lesung, danach werden wir gemeinsam ein Lied singen, das ihr in eurem Heft auf Seite 5 findet.“ Diese kleinen Wegweiser helfen jedem, sich zu orientieren und die Angst vor dem „Etwas-falsch-Machen“ zu verlieren. Ein guter Gottesdienst ist wie eine Reise, bei der die Reiseleitung immer wieder sagt, wo wir uns gerade befinden, damit niemand den Anschluss verliert.

Erklärt den Besuchern, wo sie beispielsweise die Liedtexte finden, falls sie nicht vorne an die Wand projiziert werden können und projiziert auch Texte, die gemeinsam gesprochen werden, wie beispielsweise das Vaterunser oder das Glaubensbekenntnis an die Wand, das hilft auch Menschen, die diese Texte nicht kennen.

Texte und Lesungen, die bei euch in jedem Gottesdienst vorkommen wie besondere Gebete könnt ihr auch bei speziellen Druckereien für blinde in Blindenschrift ausdrucken lassen.

Einladende Liturgie für alle Körper

Achtet auch in eurer Sprache auf die unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen eurer Gäste. Statt der strikten Aufforderung „Lassen Sie uns nun alle zum Gebet aufstehen“, die jemanden im Rollstuhl oder mit chronischen Schmerzen sofort an seine Grenzen erinnert, wählt eine offenere Einladung: „Wer mag und kann, darf sich gerne erheben“. Das signalisiert jedem Einzelnen: „Du bist genau so richtig, wie du hier bist, und dein Gebet zählt, egal ob du dabei stehst, sitzt oder liegst.“ Indem ihr diese kleinen, aber feinen sprachlichen Anpassungen vornehmt, schafft ihr eine Atmosphäre, in der die Vielfalt Gottes gefeiert wird und in der sich jeder Mensch – ganz gleich mit welcher Geschichte oder körperlichen Verfassung – von Herzen angesprochen und gemeint fühlt.

Musik und Gesang: Gemeinsam Gott loben ohne Barrieren

Musik ist oft die Sprache, die unsere Herzen am tiefsten berührt. In der Musik werden wir eins, singen dieselben Worte und spüren die Gegenwart Gottes auf eine Weise, die über das gesprochene Wort hinausgeht. Doch gerade beim Singen und Musizieren gibt es kleine Stolperfallen, die wir mit ein wenig Aufmerksamkeit und Liebe aus dem Weg räumen können. Inklusion in der Musik bedeutet, dass wir nicht nur darauf achten, dass es „schön klingt“, sondern dass jeder Mensch – egal ob er Noten lesen kann, ob er die Texte gut sieht oder ob er die Melodie zum ersten Mal hört – wirklich mitsingen und mitfeiern kann, oder sich einfach voll und ganz der Atmosphäre im Lobpreis und Anbetung hingeben kann.

Sichtbarkeit für alle Augen: Großdruck und Kontraste

Für viele Menschen in eurer Gemeinde ist das herkömmliche Gesangbuch eine Herausforderung. Sei es wegen einer Sehbehinderung, wegen des Alters oder weil das Licht in der Kirche stimmungsvoll, aber zum Lesen zu dunkel ist. Haltet deshalb immer eine ausreichende Anzahl an Liederheften in Großdruck bereit (Schriftgröße mindestens 18 oder 20 in einer klaren, serifenlosen Schrift). Achtet auch bei Projektionen an der Wand darauf, dass der Kontrast zwischen Text und Hintergrund stark ist – schwarze Schrift auf weißem oder hellgelbem Grund ist oft viel besser lesbar als weiße Schrift auf unruhigem Bildhintergrund. So schenkt ihr euren Gästen die Freiheit, sich ganz auf den Inhalt der Lieder zu konzentrieren, ohne dass die Augen ermüden.

Viele Gesangbücher der unterschiedlichen Kirchen gibt es inzwischen auch in Blindenschrift oder in digitaler und barrierefreier Form, informiert euch bei eurem Kirchenverband oder eurer Landeskirche, ob es die Liederbücher, die ihr regelmäßig benutzt barrierefrei gibt und sorgt dafür, dass die Gesangbücher in möglichst vielen unterschiedlichen Formen zugänglich sind.

Musik als verbindendes Element: Vielfalt der Instrumente

Vielleicht gibt es in eurer Gemeinde Menschen, die besondere Instrumente spielen, die man nicht jeden Tag in der Kirche hört. Ein inklusiver Gottesdienst lebt von dieser Vielfalt. Wenn zum Beispiel eine Ukulele, ein Cavaquinho aus Brasilien oder ein Requinto aus Mexiko den Gesang begleitet, bringt das eine ganz eigene, herzliche Wärme in den Raum. Diese Instrumente sind oft nahbarer und laden besonders Menschen, die zum ersten Mal da sind oder aus anderen Kulturen kommen, zum Mitsingen ein. Erklärt kurz, welches Instrument zu hören ist – das weckt Neugier und schafft eine Atmosphäre der Offenheit und Wertschätzung für die Talente, die Gott in eure Mitte gelegt hat.

Vorbereitung für die Ohren und den Geist

Blinde Menschen oder Menschen, die zur Orientierung Struktur brauchen, sind dankbar, wenn die Liednummern oder Texte vorab digital verfügbar sind. Wenn ihr die Liederliste schon ein paar Tage vorher auf eure Website stellt, können sich Menschen, die Screenreader nutzen, die Texte in Ruhe zu Hause ansehen. Während des Gottesdienstes hilft es enorm, wenn die Liednummern nicht nur an der Tafel stehen, sondern auch klar angesagt werden: „Wir schlagen nun das Lied Nummer 342 auf.“ Das nimmt den Stress, hektisch blättern zu müssen, und hilft auch Menschen, die mit der Struktur eures Gesangbuchs noch nicht vertraut sind.

Rhythmus und Bewegung: Einladung statt Zwang

Manche Lieder laden zum Klatschen oder Mitmachen ein. Das macht Freude, kann aber für Menschen mit motorischen Einschränkungen oder chronischen Schmerzen wie Long COVID auch anstrengend sein. Formuliert Einladungen zu Bewegungen immer so, dass sich niemand unter Druck gesetzt fühlt. Ein herzliches „Wer mag, kann bei diesem Refrain mitklatschen“ lässt jedem die Freiheit, so teilzunehmen, wie es die eigene Kraft gerade zulässt. Inklusion bedeutet hier, dass das gemeinsame Lob Gottes nicht an eine bestimmte körperliche Leistung gebunden ist, sondern aus einem freien und fröhlichen Herzen kommt.

Das Abendmahl für alle: Ein Fest der bedingungslosen Tischgemeinschaft

Das Abendmahl ist der Moment, in dem die Liebe Gottes am greifbarsten wird. Es ist das Fest der Gemeinschaft, bei dem wir alle an einen Tisch gerufen sind. Gerade hier, im Zentrum unseres Glaubens, ist es so wichtig, dass niemand aufgrund körperlicher, gesundheitlicher oder seelischer Hürden draußen bleiben muss. Inklusion am Abendmahlstisch bedeutet, dass wir vorausschauend planen, damit jeder Gast die Gewissheit hat: „Hier ist ein Platz für mich bereitet, genau so, wie ich bin.“ Das Ziel ist, dass die Teilnahme am Sakrament keine Hürdenlauf, sondern eine befreiende Erfahrung der Annahme wird.

Vielfalt der Gaben: Für die Gesundheit und die Freiheit

Es ist ein Akt tiefer Fürsorge, wenn ihr standardmäßig glutenfreie Hostien und alkoholfreien Wein oder Traubensaft anbietet. Für Menschen mit Zöliakie ist eine herkömmliche Hostie kein „kleines Problem“, sondern eine echte Gesundheitsgefahr. Ebenso ist der Verzicht auf Alkohol für Menschen mit Suchterfahrung oder für diejenigen, die Medikamente einnehmen müssen, eine existenzielle Entscheidung. Wenn ihr diese Alternativen ganz selbstverständlich bereitstellt und diskret darauf hinweist (zum Beispiel durch ein kurzes Symbol im Ablaufplan oder eine freundliche Ansage), müssen sich die Betroffenen nicht erst mühsam erklären oder outen. So wird das Abendmahl zu einem Ort, an dem die körperlichen Bedürfnisse nicht im Weg stehen, sondern liebevoll mitgedacht wurden.

Bewegungsfreiheit: Die Gaben kommen zum Gast

In vielen Kirchen ist es üblich, zum Abendmahl nach vorne zum Altar zu gehen. Für Menschen im Rollstuhl, Personen mit starken Schmerzen oder Menschen mit Long COVID, deren Kraft für langes Stehen oder Gehen nicht reicht, kann dieser Weg unüberwindbar sein. Eine inklusive Gemeinde achtet darauf, dass das Abendmahl auch zu den Menschen gebracht wird, die an ihrem Platz bleiben möchten oder müssen. Bittet eure Austeilenden, aufmerksam durch den Raum zu schauen. Ein kurzes, fragendes Lächeln und das Anreichen der Gaben am Sitzplatz schenken dem Gast Würde und das Gefühl, voll dazuzugehören, ohne dass er eine „Extrawurst“ verlangen muss.

Orientierung beim Empfang: Sicherheit für die Sinne

Für blinde Menschen oder Gäste, die zum ersten Mal da sind und den Ablauf nicht kennen, kann der Moment des Abendmahls mit Unsicherheit verbunden sein: „Wo muss ich hin? Wie wird die Hostie gereicht? Esse ich das Brot direkt, nachdem ich es empfangen habe oder warte ich damit bis auch Wein/Traubensaft bei mir angekommen sind? Nehme ich meine Nachbarn beim anschließenden Sieg fort an die Hand? “. Hier hilft eine kurze, warmherzige Erklärung im Vorfeld oder eine Assistenz, die diskret fragt: „Darf ich dich zum Altar begleiten?“. Wenn ihr die Hostie reicht, sagt dazu: „Das Brot des Lebens für dich“, damit der Gast genau weiß, wann er die Hand ausstrecken kann. Diese kleinen, achtsamen Gesten nehmen die Angst vor Fehlern und lassen Raum für das, was eigentlich zählt: die Begegnung mit Gott und der Gemeinschaft.

Ein Ort der Weite und Fehlertoleranz

Habt Mut, das Abendmahl auch einmal anders zu gestalten. Vielleicht im Kreis, in dem jeder den anderen sehen kann, oder in einer Form, die besonders viel Zeit zum Innehalten lässt. Inklusion bedeutet auch, dass es okay ist, wenn mal etwas hinfällt oder ein Becher zittert. Eine Atmosphäre der Herzlichkeit und Gelassenheit ist die beste Einladung zum Tisch des Herrn. Ermutigt eure Gemeinde, diesen Moment als das zu feiern, was er ist: Eine Einladung an alle, die hungrig und durstig sind nach Leben, unabhängig von ihrer Fitness, ihrer Herkunft oder ihrer Konfession.

Gemeinschaft über den Segen hinaus: Gastfreundschaft beim Kirchenkaffee und auf dem Heimweg

Inklusion endet nicht mit dem „Amen“ am Schluss des Gottesdienstes. Oft beginnt der wichtigste Teil der Gemeinschaft erst danach, wenn die Orgel verhallt ist und die Gespräche im Kirchenschiff oder im Gemeindesaal aufblühen. Gerade diese Zeit zwischen dem Segen und dem Nachhauseweg ist für viele Menschen eine wertvolle Gelegenheit, um wirklich anzukommen und Wurzeln zu schlagen. Doch für Gäste mit Behinderungen, Menschen mit Long COVID oder Besucher, die unsere kirchlichen Gepflogenheiten noch nicht kennen, kann gerade dieser informelle Teil viele unsichtbare Barrieren bereithalten. Eine einladende Gemeinde achtet darauf, dass die Gastfreundschaft auch beim Kirchenkaffee oder dem gemeinsamen Mittagessen keine Pausen macht und jeder sicher und erfüllt wieder nach Hause findet.

Das „Digitale Wohnzimmer“ mit ins Gebet nehmen

Wenn ihr nach dem Gottesdienst zu einem Kaffee oder einem Essen einladet, denkt daran, dass der Hunger nach Information bei vielen Gästen groß ist. Stellt sicher, dass Informationen über das weitere Gemeindeleben – wie Kleingruppen, Chöre oder soziale Projekte – nicht nur auf einem unübersichtlichen schwarzen Brett hängen. Bietet diese Infos barrierefrei an: Verweist auf eure Website, auf der man alles in Ruhe mit dem Screenreader nachlesen kann, oder haltet Flyer in einfacher Sprache und Großdruck bereit. Ein herzlicher Satz wie: „Wenn du mehr über uns wissen willst, schau gerne auf unsere Seite oder sprich mich einfach an“, hilft Menschen ohne Kirchenerfahrung, den nächsten Schritt zu wagen, ohne sich aufzudrängen.

Barrierefreies Genießen: Kirchenkaffee für alle Sinne

Beim gemeinsamen Essen oder Kaffeetrinken sind es oft die kleinen Dinge, die über Teilhabe entscheiden. Achtet darauf, dass die Stehtische nicht die einzige Option sind; Menschen mit chronischen Schmerzen, Long COVID oder Rollstuhlfahrer brauchen Sitzgelegenheiten auf Augenhöhe, um entspannt ins Gespräch zu kommen. Sorgt für eine klare Beschilderung der Speisen (Was ist vegetarisch? Was ist glutenfrei?), damit sich niemand mit Allergien oder kulturellen Speisevorschriften unsicher fühlen muss. Wenn es trubelig wird, bietet blinden Gästen oder Menschen mit Reizüberflutung einen ruhigeren Platz an und fragt behutsam: „Darf ich dir etwas vom Buffet bringen oder dich begleiten?“. So wird das Essen zu einer echten Stärkung für Leib und Seele, bei der niemand abseits stehen muss.

Der sichere Heimweg: Begleitung bis zur Tür

Gastfreundschaft bedeutet auch, sich zu vergewissern, dass jeder Gast gut und sicher nach Hause kommt. Besonders wenn es dunkel ist oder das Wetter schwierig wird, kann der Weg zur Haltestelle für blinde Menschen oder Senioren eine Herausforderung sein. Ermutigt eure Gemeindemitglieder, aufmerksam zu sein: „Fährst du auch mit der Linie 10? Sollen wir ein Stück zusammen gehen?“ oder „Brauchst du ein Taxi? Ich rufe dir gerne eines“. Solche kleinen Gesten der Nächstenliebe zeigen, dass euch der Mensch als Ganzes wichtig ist, weit über die Zeit des Gottesdienstes hinaus.

Einladung zum Bleiben und Wiederkommen

Nutzt den Abschluss des Beisammenseins für einen warmherzigen Ausblick. Ein ehrliches „Schön, dass du heute da warst, wir würden uns freuen, dich wiederzusehen“ wirkt Wunder. Gebt den Menschen die Freiheit, so zu gehen, wie es ihre Kraft erlaubt – manche müssen nach dem Gottesdienst sofort nach Hause, um sich auszuruhen, während andere das Gespräch suchen. Inklusion bedeutet hier, jede Entscheidung wertschätzend zu respektieren. Wenn ihr als Gemeinde signalisiert, dass ihr lernbereit seid und euch über jedes Feedback freut, wie der Aufenthalt noch angenehmer gestaltet werden kann, schafft ihr ein Klima, in dem jeder Gast zum dauerhaften Freund und Teil eurer Familie werden möchte.

Gemeinsam gestalten: Menschen einbeziehen und Unterstützung finden

Gemeinsam gestalten: Menschen einbeziehen und Unterstützung finden

Inklusion ist kein Projekt, das ein kleiner Kreis von Verantwortlichen „für“ andere Menschen plant. Wahre Teilhabe entsteht dann, wenn wir nicht übereinander, sondern miteinander sprechen. Menschen mit Behinderungen sind keine Empfänger von Almosen, sondern Experten in eigener Sache und unverzichtbare Glieder am Leib Christi. In diesem Abschnitt schauen wir darauf, wie ihr Betroffene aktiv einbindet und wo ihr euch auf diesem spannenden Weg professionelle Begleitung holen könnt.

Partizipation: Von Betroffenen zu Mitgestaltern

Der wichtigste Schritt für eine Gemeinde ist es, die Menschen, die bereits da sind, nach ihren Erfahrungen zu fragen. Ladet Menschen mit sichtbaren und unsichtbaren Behinderungen ein, gemeinsam mit euch durch das Gemeindehaus zu gehen oder den Gottesdienstablauf zu prüfen. Fragt ganz offen: „Was hindert dich daran, dich voll einzubringen? Wo fühlst du dich übersehen?“. Oft sind es kleinstre Änderungen – wie ein anderer Platz für das Mikrofon oder ein fester Ort für den Assistenzhund –, die einen riesigen Unterschied machen. Wenn Menschen spüren, dass ihre Meinung zählt und ihre Bedürfnisse ernst genommen werden, verwandeln sie sich von Gästen in aktive Mitgestalter, die ihre Gaben und ihre Herzenssicht einbringen.

Ihr müsst den Weg zur Barrierefreiheit und Inklusion nicht alleine gehen. Es ist ein Zeichen von Stärke und echter Gastfreundschaft, sich Unterstützung zu suchen. Es gibt wunderbare Menschen und Organisationen, die euch gerne mit ihrem Fachwissen und ihrer Erfahrung zur Seite stehen. Hier sind einige der wichtigsten Anlaufstellen, die euch mit Rat, Tat und oft auch mit Fördermitteln begleiten können:

  • Kirchliche Beauftragte und Fachstellen:
    Jede Landeskirche und jedes Bistum hat eigene Referate für Behindertenseelsorge oder Inklusion. Diese Experten kennen die spezifischen kirchlichen Strukturen und bieten oft Beratungen vor Ort an.
  • DeBeSS (Fachstelle für Blinden- und Sehbehindertenseelsorge): Eine ganz zentrale Anlaufstelle für inklusive Gottesdienste und barrierefreie Materialien: https://www.debess.de/
  • EKD (Evangelische Kirche in Deutschland): Sucht nach „Inklusion EKD“ oder besucht https://www.ekd.de/Inklusion-11005.htm.
  • Katholische Behindertenseelsorge: Informationen findet ihr unter https://www.behindertenseelsorge.de.
  • Freikirchen: Viele Bünde haben eigene Arbeitsgruppen, wie zum Beispiel der Bund FeG mit dem Bereich „Seelsorge & Beratung“.
  • Aktion Mensch:
    Dies ist eine der wichtigsten Anlaufstellen für Inklusion in Deutschland. Sie bieten nicht nur großartige Informationsmaterialien und Leitfäden in Leichter Sprache an, sondern fördern unter bestimmten Voraussetzungen auch bauliche Maßnahmen oder inklusive Projekte in Kirchengemeinden.
  • Webseite: https://www.aktion-mensch.de
  • Förderratgeber: https://www.aktion-mensch.de/foerderung
  • Fachverbände der Betroffenen:
    Niemand kann euch besser beraten als die Menschen, die täglich mit Barrieren leben. Diese Verbände bieten oft spezielle Checklisten für Gebäude und Veranstaltungen an:
  • Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV): https://www.dbsv.org
  • Sozialverband VdK Deutschland: Besonders stark in der Beratung zu Barrierefreiheit im Alltag: https://www.vdk.de
  • BAG Selbsthilfe: Ein Dachverband für viele verschiedene Behinderungsarten und chronische Erkrankungen: https://www.bag-selbsthilfe.de
  • Digitale Werkzeuge und Netzwerke:
    Es gibt innovative Online-Tools, die euch helfen, den Ist-Zustand eurer Gemeinde spielerisch zu prüfen:
  • Inklumat: Ein Tool, mit dem ihr eure Angebote auf Barrierefreiheit testen könnt: https://www.inklumat.de
  • Wheelmap: Hier könnt ihr eure Kirche eintragen und sehen, wie rollstuhlgerecht sie bereits ist: https://wheelmap.org
  • Lokale Experten:
    Vergesst nicht die Experten in eurer direkten Nachbarschaft. Die Behindertenbeiräte eurer Stadt oder eures Landkreises sowie die Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (EUTB) sind oft dankbar, wenn Kirchengemeinden auf sie zukommen. Sie bieten kostenlose Beratungen an und kennen die Gegebenheiten vor Ort am besten.
  • EUTB-Suche: https://www.teilhabeberatung.de
    Indem ihr euch vernetzt, zeigt ihr, dass eure Gemeinde Teil einer großen, lernenden Familie ist. Ihr müsst nicht alles wissen, ihr müsst nur wissen, wen ihr fragen könnt. Ein kurzer Anruf oder eine E-Mail an eine dieser Stellen kann oft der zündende Funke sein, der eure Gemeinde für viele Menschen zu einem neuen Zuhause macht.

Der erste Schritt: Warum Mut wichtiger ist als Perfektion

Liebe Gemeinde, wenn ihr diesen Leitfaden lest, fühlt ihr euch vielleicht im ersten Moment ein wenig überwältigt. Ihr seht die vielen Punkte, denkt an euer altes Kirchengebäude, an das knappe Budget oder an das kleine Team und fragt euch: „Wie sollen wir das jemals alles schaffen?“. Ich möchte euch von Herzen zurufen: Atmet tief durch. Inklusion ist kein Berg, den ihr heute noch bis zum Gipfel erklimmen müsst. Inklusion ist ein Weg, den wir gemeinsam gehen – und jeder Weg beginnt mit dem ersten, mutigen Schritt.

Gott erwartet von uns keine vollkommene Barrierefreiheit von heute auf morgen. Er sieht euer Herz und euren Wunsch, ein Ort der Liebe zu sein. Oft sind es die kleinsten Veränderungen, die die größte Hoffnung säen. Es beginnt vielleicht damit, dass ihr ein einziges Liedblatt in Großdruck bereitlegt oder einen persönlichen Ansprechpartner auf eure Website schreibt. Diese kleinen Taten der Aufmerksamkeit signalisieren einem Menschen: „Ich habe an dich gedacht. Du bist mir wichtig.“ Und genau das ist der Kern des Evangeliums. Es geht nicht um Perfektion, sondern um echte, warmherzige Präsenz.

Seht diesen Leitfaden nicht als Lastenkatalog, sondern als eine Schatzkarte voller Möglichkeiten. Pickt euch für den Anfang nur eine einzige Sache heraus, die sich für euch leicht und machbar anfühlt. Vielleicht ist es die Einladung an einen Rollstuhlfahrer aus der Nachbarschaft, euch einmal ehrlich zu sagen, wo es im Gemeindehaus klemmt. Oder ihr fangt damit an, in der nächsten Predigt eine visuelle Geste kurz mit Worten zu beschreiben. Wenn wir anfangen, uns gegenseitig mit den Augen Jesu zu sehen, dann wird die Barrierefreiheit zu einer Entdeckungsreise, die eure Gemeinde nicht erschöpft, sondern bereichert und lebendiger macht.

Habt Vertrauen, dass ihr wachsen dürft. Inklusion ist ein Prozess des Lernens, bei dem man auch mal stolpern darf. Eine Gemeinde, die ehrlich sagt: „Wir sind noch nicht perfekt, aber wir sind auf dem Weg zu dir“, ist für viele Menschen viel anziehender als ein makelloses Gebäude ohne Seele. Ihr seid Brückenbauer, und jeder kleine Stein, den ihr setzt, macht den Weg für jemanden frei, der sehnsüchtig darauf wartet, Teil eurer Gemeinschaft zu sein. Fangt heute klein an – mit einem Lächeln, einer offenen Tür und einem weiten Herzen. Es lohnt sich, denn jeder Schritt auf diesem Weg ist ein Schritt auf Gott zu.

Über den Autor: Gemeinsam den Perspektivwechsel wagen

Hinter diesem Leitfaden steht kein anonymes Gremium, sondern ein Mensch, dem die Vision einer inklusiven Kirche eine echte Herzensangelegenheit ist.

Mein Name ist Johannes Immanuel Schneider – auf Instagram und in der digitalen Welt bekannt als blind geglaubt und „Ukulelepastor in Ausbildung “. Ich bin gebürtiger Brasilianer, Adoptivkind und lebe seit meiner frühen Kindheit in Deutschland. Als blinder Mensch, Theologiestudent und Pastor in Ausbildung im Rahmen meines dualen Studiums in der Stadtmission Darmstadt kenne ich beide Seiten: die Barrieren, die uns trennen, und die Brücken, die uns verbinden.
in meinem Podcast blind geglaubtspreche ich regelmäßig über Themen, die uns alle bewegen: Glaube, Inklusion und der Mut, das Leben aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Dort, sowie in meiner Arbeit als Redner und Musiker, ist es mein Ziel, Menschen zu ermutigen, ihre eigenen Begrenzungen als Chance für Gottes Wirken zu sehen. Ob mit der Ukulele in der Hand oder am Mikrofon – ich möchte zeigen, dass wir erst dann wirklich vollständig sind, wenn wir einander in unserer ganzen Vielfalt annehmen.
Mein großer Wunsch ist es, dass dieser Leitfaden seinen Weg in jede Kirchengemeinde in Deutschland findet – von der kleinen Kapelle auf dem Land bis zur großen Kathedrale in der Stadt. Ich träume von einer Kirche, die so bunt und einladend ist wie Gottes Schöpfung selbst. Doch dieser Text soll nur der Anfang eines gemeinsamen Gesprächs sein. Wenn ihr Fragen zur praktischen Umsetzung habt, euch über inklusive Konzepte austauschen wollt oder Anregungen und Feedback teilen möchtet, stehe ich euch jederzeit sehr gerne zur Verfügung. Ich begleite Gemeinden leidenschaftlich gerne dabei, Wege zu finden, wie Inklusion vor Ort lebendig werden kann.
Lasst uns gemeinsam daran arbeiten, dass Barrieren fallen und Herzen sich öffnen. Ihr erreicht mich und findet viele weitere Impulse, Folgen meines Podcasts und Gedanken für eure Gemeindearbeit auf meiner Website:
https://derperspektivwechsel.com/
Ich freue mich darauf, von euch zu hören und gemeinsam mit euch Kirche neu zu denken – als einen Ort, an dem wirklich jeder Mensch bedingungslos gesehen, wertgeschätzt und willkommen ist.

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