Corona-Krise: Ein Wochenbericht aus dem Home-Office

Keine Frage, die Corona-Krise verlangt allen Menschen zurzeit viel ab. Das öffentliche Leben steht still, soziale Kontakte sind fast nur noch digital möglich und auch sonst verändern die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie unseren Alltag. Zu Hause bleiben ist aktuell das oberste Gebot.
Doch was tun, damit einem nicht die Decke auf den Kopf fällt?
Ein Wochenbericht aus dem Home-Office J. Schneider in Kassel.
Von Online-Vorlesungen, Gottesdiensten auf dem Sofa und digitalen Spieleabenden.

Stell dir vor es ist Uni, und niemand geht hin

Mittwochmorgen 08:00 Uhr:
Eigentlich ein ganz normaler Morgen Ende April in Kassel. Das Sommersemester hat vor wenigen Tagen begonnen, die Sonne scheint, die Vögel singen und ich versuche mich mehr oder weniger erfolgreich für eine Vorlesung in der Uni vorzubereiten. Wer hat eigentlich festgelegt, dass Vorlesungen bereits um 08:00 Uhr beginnen dürfen? Und wie war das noch gleich; Studenten können jeden Tag bis mindestens 12:00 Uhr ausschlafen, weil man ja sowieso nicht vor 16:00 Uhr in der Uni sein muss?
Entweder ich studiere das Falsche, oder aber an diesen Vorurteilen ist nichts dran. Und so quäle ich mich aus dem gemütlichen Bett und rüste mich mit Laptop aus. Ganz normal also?
Nein, etwas ist anders an diesem Tag, denn statt in die überfüllte Straßenbahn, die mich zur Uni befördert geht es nur ein paar Schritte weit bis zu meinem Schreibtisch. Online-Vorlesung statt Präsenzlehre steht heute auf dem Plan. Und nicht nur heute, sondern wo möglich das ganze Semester. Nicht etwa, weil die Universität Kassel die Digitalisierung für sich entdeckt hat, sondern weil Corona-Krise ist. Und so komme ich in den Genuss den Ausführungen meines Theologie-Professors vom Schreibtisch aus zu lauschen.
Im Großen und Ganzen eine ganz entspannte Sache dieses Home-Office. Und für mich in vielen Punkten auch viel einfacher. Ich muss mich nicht in eine überfüllte Straßenbahn quetschen, muss mir niemanden organisieren, der mich zu meinem Hörsaal bringt und Angst, mich auf dem unübersichtlichen und verwinkelten Campus zu verlaufen, muss ich auch nicht haben.
Statt großer und voller Hörsaal entspanntes (fast) leeres Wohnzimmer.
Doch die Nachteile zeichnen sich ebenso schnell und deutlich ab. Keine Kommilitonen und Freunde, mit denen man sich über die Inhalte austauschen kann, kein Professor, dem man direkt Fragen stellen kann und keine Diskussionen. Und das Wichtigste: Keine Treffen mit Freunden in der Mensa nach, vor oder zwischen den Veranstaltungen. Meine Freunde, mit denen ich normalerweise ein- bis zweimal pro Woche mensen gehe; sie fehlen mir jetzt schon. Und das Semester hat gerade erst begonnen; das kann ja heiter werden.

Arbeiten im Homeoffice:Johannes liest in der Blindenschrift-Bibel
Arbeiten im Homeoffice:Johannes liest in der Blindenschrift-Bibel


Mensen mal anders

Mittwoch 12:00 Uhr:
Die Online-Veranstaltungen der Uni habe ich mehr schlecht als recht hinter mich gebracht. Also habe ich mir ein leckeres Mittagessen verdient. Also ab mit Freunden in die Mensa und eine leckere Portion holen … ach nein, halt Stopp! Da war ja was; Corona und so… Also doch wieder nur Nudeln mit Pesto? Oder Essen bestellen beim Lieferdienst des Vertrauens? „Aber Bestellen ist so teuer und wir haben doch erst letzte Woche bestellt und… Ach egal, besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen!“ Also doch gute italienische Pizza anstatt Dosenravioli.“Beim nächsten Mal wird dann aber wirklich selbst gekocht! Also wirklich…“ Vielleicht ja ein Rezept, was das Studierendenwerk der Uni Kassel aus der Mensa gepostet hat? Oder doch nur Tiefkühlpizza? Da stellt einen die Krise vor ganz neue Herausforderungen.

Wenn der beschauliche Stadtteilpark zum angesagten Hottspott wird

Mittwoch 16:30 Uhr:
In meinem Stadtteil gibt es einen kleinen Park. Eigentlich nichts Besonderes; ein paar Spazierwege, ein winziger Bach der, wenn er nicht gerade ausgetrocknet ist; mitten hindurchfließt, einige Bäume und hin und wieder Sitzbänke.
In der Regel trifft man hier eher wenig Menschen, doch in Zeiten von „Wir bleiben zu Hause“ ist alles anders. Denn einfach nur zu Hause sitzen bleiben halten die meisten dann doch nicht die ganze Zeit durch. Und so geht es für viele ab in den Stadtteilpark. Und so hat es den Anschein, als ob der gesamte Stadtteil im Park spazieren geht. Spazieren gehen als neuer Volkssport? Warum eigentlich nicht? Wetter ist ja traumhaft schön in diesen Tagen und so begebe ich mich ebenfalls in den neuen Hottspott-Park Bossentalpark-Kassel-Fasanenhof. Dir sagt dieser Park nichts? Kein Problem, bestimmt kommt der noch ganz groß raus; irgendwann in der Post-Corona-Epoche.

Kaffelust und Unifrust:

Donnerstag 10:30 Uhr: Der Kaffee und das Frühstück schmecken ausgezeichnet, die Online-Veranstaltungen der Uni dafür umso weniger. Denn obwohl man meinen sollte, das mit einem digitalen Semester für blinde Menschen alle Sorgen erledigt sein müssten, stellen sich durchaus größere Schwierigkeiten für mich ein. So kann ich beispielsweise gleich mehrere hochgeladene Präsentationen der Professoren und Dozenten an meinem Laptop nicht öffnen, da meine Sprachausgabe diese nicht auslesen kann. Die Erklärvideos, die in den Präsentationen verarbeitet sind und uns Studierenden beim Durchblättern der Folien helfen sollen, sind an und für sich eine sehr gute Sache, bringen mir jedoch auch nichts, wenn ich die Präsentationen nicht öffnen kann. Wie gut, dass ich für solche Fälle Studienassistenzen habe, die mir die Präsentationen und Dokumente in für mich lesbare Form umwandeln können. Das sind ganz ganz liebe Menschen aus meinem Freundeskreis, die sich bereiterklärt haben, neben ihrem eigenem Studium mich zu unterstützen und überall einzuspringen, wo ich alleine nicht weiterkomme.Ohne diese Menschen könnte ich mein Studium sofort abbrechen! An dieser Stelle ein ganz ganz dickes Dankeschön und eine virtuelle Umarmung mit ganz viel Liebe an meine Studienassistenzen.

Ein Hoch auf das Digital-Oldschoolzeitalter

Freitag 20:00 Uhr:
Was wurde nicht schon alles über die jüngere Generation geschimpft. Wir, die Kinder der 90er und frühen 2000er, die mehr oder weniger mit Internet, Computer und etwas später auch mit Handys groß geworden sind, müssen uns schon so Einiges anhören. Spöttisch nennt man uns die Generation „Kopf nach unten“ oder interpretiert das Y in der Bezeichnung Generation Y als Daumen-Hoch-Emojy von Facebook. Telefonieren können wir ja sowieso nicht, weil wir ja nur noch über Messenger-Dienste kommunizieren. Gelegentlich lassen wir uns auch mal zu Audio-Nachrichten hinreißen; aber bitte nicht länger als 2:30min. Telefonieren oder Briefe schreiben ist doch irgendwie Oldschool … oder etwa doch nicht?
Seit social-distancing unser Leben bestimmt, wird in Deutschland und weltweit nachweislich wieder öfter telefoniert. Nicht etwa mit diesen total komischen Geräten mit Schnur und Tasten aus den 90ern, sondern ganz modern mit Smartphone oder Laptop. Wir verabreden uns ganz traditionell und doch modern in Chat-Rooms, wir führen Telefonate und veranstalten Spieleabende. Somit sind wir oldschool, aber gleichzeitig innovativ und zukunftsorientiert.
Der Spieleabend mit Freunden ist eine tut gut und ist eine tolle Ablenkung zum alleine sein, jedoch ist es nicht das gleiche wie sich im wirklichen Leben zu treffen. Gleiches gilt für Telefonate und Chatten. Also nach der Corona-Krise vielleicht doch etwas mehr Oldschool als Digital!

Traumreise ins Ruhrgebiet

Samstag 15:30 Uhr:
Zeit für die Bundesliga! Eintracht Frankfurt hat heute eine ganz besondere Aufgabe vor der Brust. Es geht gegen … niemanden! Natürlich hat die aktuelle Situation auch Auswirkungen auf den Sport und so findet kein Fußball statt.
So ganz will ich aber nicht auf Stadion-Atmosphäre verzichten.
Und deshalb wird unser Wohnzimmer kurzer Hand zum Stadion um dekoriert. Stadion bauen statt Fußball schauen heißt für diesen Samstagnachmittag unser Motto. Und so schaffen wir es ein 3d-Modell der Veltins-Arena von Schalke 04 zu basteln. Passend dazu krame ich meinen Blindenfußball vom Dachboden hervor. Jetzt schmücken Veltins-Arena und Fußball unsere Wohnung und sorgen für ein wenig Fußball-Stimmung.


Blick auf gepuzzelte Tribüne von 3D-Modell.

Blick auf gepuzzelte Tribüne von 3D-Modell.

Außerdem erinnert uns die Veltins-Arena an das Ruhrgebiet. Ob man es glaubt oder nicht, aber meine Frau und ich sind große Fans vom Ruhrgebiet. Der Pott; das bedeutet für uns die Region wo viele Freunde von uns Leben, die Region, in der wir nach Corona mal leben möchten und die Region, wo wir gefühlt wöchentlich samstags hinfahren.
Mit Ausflügen nach Essen, Bochum oder Dortmund ist es zurzeit etwas kompliziert, aber dafür muss unser Wohnzimmer eben als Mini-Ruhrgebiet herhalten. Passend dazu habe ich eine Blindenschriftlandkarte von Nordrhein-Westfalen, auf der auch die wichtigsten Ruhrgebietsstädte verzeichnet sind. Wenn schon nicht im echten Leben, dann wenigstens ein Ausflug mit dem Finger auf der Landkarte.

Dazu am besten noch eine leckere Currywurst mit Pommes und ein gekühltes Bier. Grönemeyers Hit „Bochum“ oder das Steiger Lied dürfen selbstverständlich auch nicht fehlen.
Du fragst dich, wieso wir das Ruhrgebiet mögen und später dort leben wollen? Du denkst das Ruhrgebiet ist grau und hässlich? Als Blinder sag ich dir: „Grau, Grün, Blau oder weiß; für mich sieht alles gleich aus!“ Und ansonsten „Glück Auf!“ Ker ker, Watt bessres gibbet nich!

Einfach mal ne Runde kicken

Samstag 19:00 Uhr:

Wenn man schon ein 3-D Modell eines Fußballstadions im Wohnzimmer stehen hat, kribbelt es einem als Fußballfan ganz schön im Fuß. Und so schnappen wir uns den Blindenfußball und stürmen die Wiese vor unserer Haustür. Eine kleine Trainingseinheit Blindenfußball kann nicht schaden! Zwar gleicht die Wiese eher einem Acker als dem gepflegten Rasen in der Veltins-Arena, jede Menge Spaß haben wir aber trotzdem. Was unsere Nachbarn davon halten, dass unser Stadtteil neben einem angesagten Park jetzt auch ein Blindenfußball-Stadion hat, ist bislang noch nicht überliefert.

Johannes trippelt mit dem Blindenfußball auf einer Wiese mit Bäumen
Johannes trippelt mit dem Blindenfußball auf einer Wiese mit Bäumen

Ausgehen in der Balkonia-Bar Kassel

Samstag 22:30 Uhr:
Saturday Night, let’s have some fun…, doch nicht einmal die Clubs, Bars und Kneipen auf der „Fritze“ Kassels Party-Meile, die außer am Wochenende Friedrich-Ebert-Straße heißt, haben zur Zeit geöffnet.
Aber alles kein Problem, denn es gibt eine neue Bar in Kassel, die alles bis her Dagewesene in den Schatten stellt. Ich rede von der „Balkonia-Bar-Kassel“. Kennt ihr nicht? Noch so etwas, was in der Post-Corona-Epoche groß rauskommen wird. Best Cocktails in Town gemixt von der besten Barkeeperin der Stadt und selbstverständlich die angesagteste Musik aufgelegt vom angesagtesten DJ des Landes, dazu reinstes Summer-Feeling; und das alles umsonst und draußen. Naja, das mit dem umsonst stimmt natürlich nicht wirklich und ob unser Balkon jemals zur angesagten Bar wird darf zumindest bezweifelt werden. Trotzdem schmecken die selbstgemixten Cocktails ausgezeichnet.

2 Cocktails auf dem Tisch auf dem Balkon
2 Cocktails auf dem Tisch auf dem Balkon

Und Kirche kann eben doch modern

Sonntag 10:00 Uhr:
Ich weiß, viele nutzen den Sonntagvormittag lieber zum Ausschlafen als in den Gottesdienst gehen. Kirche ist doch nur was für alte Menschen und viel zu langweilig sind wohl die größten Vorurteile gegen die Kirche. Doch lass dich einmal auf einen Gottesdienst ein und du wirst dein blaues Wunder erleben; und dieses Mal rede ich nicht von einem Königsblauen Wunder vom FC Schalke 04. Kirche ist modern, weltoffen, aktuell und vor allem hilft ein Gottesdienst bei der Bewältigung der aktuellen Krise.
Du willst aber nicht in die Kirche gehen? Du weißt nicht wo der nächste Gottesdienst stattfindet? Näher als du denkst, nämlich bei dir zu Hause auf der Couch. Keine Sorge, es kommen kein Pfarrer und auch keine Gemeindemitglieder zu dir nach Hause, zumindest nicht persönlich. Aufgrund der aktuellen Lage werden zurzeit sämtliche Gottesdienste online zu dir auf die Couch gestreamt. Und du musst dir keine Gedanken machen, was du für Kleider in einem Gottesdienst anziehen sollst. Digitaler Gottesdienst funktioniert in der Jogginhose genauso wie im Sonntagshemd.
Für mich ist dies der wichtigste Termin im Home-Office J. Schneider, weil ich hier die Kraft bekomme, die man in dieser Krise benötigt.

Wie sieht zur Zeit euer Alltag aus und wie vertreibt ihr euch die Zeit?gerne könnt ihr mir einen Kommentar hinterlassen. Unter diesem Beitrag als Kommentar, auf Facebook oder als Persönliche Nachricht.

Kommentar zum neuen Studierendenhaus der Uni Kassel: An Menschen mit Behinderung wurde zu wenig gedacht

Anfang November 2019 fand die feierliche Neueröffnung des Studierendenhauses der Universität Kassel statt. In dem neuem Gebäude finden in Zukunft der ASTA mit seinen Referaten und ein Kulturzentrum für Konzerte und andere Veranstaltungen Platz. Bei der Planung wurden Studierende mit in den Prozess eingebunden, da es ein Haus für alle Studierende werden sollte. Perspektivwechsel hat sich im neuen studentischen Zentrum umgesehen und fühlt sich aufgrund der mangelnden Barrierefreiheit nicht wirklich willkommen. Es gibt noch viel zu tun, wenn das Studierendenhaus wirklich ein Ort für alle Studierende werden soll.

Viel Lob gab es in den vergangenen Wochen für die Universität Kassel. Mit der Neueröffnung des Studierendenhauses auf dem Nordcampus habe man das studentische Leben in Kassel bereichert und eine Vorbildfunktion für andere Universitäten in Deutschland übernommen. Das unter Denkmalschutz stehende Gebäude, welches sich in einer ehemaligen Textilfabrik befindet, wurde aufwendig saniert und steht nun dem Allgemeinem Studierendenausschuss (ASTA) mit seinen Referaten zur Verfügung. Des Weiteren befindet sich in der unteren Etage ein Kulturzentrum, indem Konzerte, Partys und andere Events stattfinden sollen.

Erhebliche Mängel bei Barrierefreiheit

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Warum studieren mit Blindheit nicht immer einfach ist

Wenn Menschen davon hören, dass ein blinder Mensch trotz der Behinderung studiert, sind viele Menschen erst einmal überrascht und fragen sich wie das überhaupt funktionieren kann. Nicht selten schlägt anfängliche Überraschung und Skepsis sehr schnell in große Bewunderung für den blinden Menschen und seine Leistung um. Doch die vielen Schwierigkeiten und Kämpfe, die ein Studium mit Behinderung so mit sich bringen, bleiben oft im Verborgenen. Doch dieser Beitrag soll gerade von den Schwierigkeiten und Kämpfen berichten, die einen Blinden während dem Studium ständig begleiten.

Verloren auf dem Campus

Das Gefühl, sich auf dem Campus der Universität Kassel verlaufen zu haben, kennt vermutlich jeder, der schon einmal eine Veranstaltung an der Uni besuchen musste. Die vielen verwinkelten Gassen bringen irgendwann jeden einmal zur Verzweiflung. Während für sehende Menschen dann immer noch Google-Mapps oder ein Lageplan des Campus weiterhelfen könnte, bin ich als Blinder oftmals aufgeschmissen. Mal eben zwischen zwei Veranstaltungen das Gebäude wechseln oder sich in einer Pause mal einen Kaffee in der Cafeteria holen, wird somit zur Herausforderung und nicht selten auch zur unlösbaren Aufgabe. Da sich ein blinder Mensch wesentlich stärker auf seinen Weg konzentrieren muss, als ein sehender Mensch, ist es oftmals auch mit einer nicht zu unterschätzenden Anstrengung verbunden, wenn ich mich alleine über den Campus bewege. Kommt dann auch noch Zeitdruck dazu, weil die nächste Veranstaltung schon bald wieder beginnt, muss ich öfter vor dieser Herausforderung kapitulieren und auf einen Kaffee verzichten.
Die einzige Möglichkeit die mir bleibt ist Kommilitonen zu fragen, ob sie mich von A nach B begleiten können. Diese Methode funktioniert zumeist sehr zuverlässig. Es gibt eigentlich immer jemanden, der den gleichen oder zumindest einen ähnlichen Weg hat wie ich und mich mitnehmen kann. Verlass ist zudem auch immer auf meinen Freundeskreis an der Uni, die mir helfen meine Räume und Wege zu finden. Was trotzdem bleibt ist ein Gefühl der Unselbstständigkeit und Abhängigkeit von anderen Menschen. Es ist nicht immer einfach zu akzeptieren, dass man selbst Kleinigkeiten wie einen Kaffee kaufen nicht ohne sehende Hilfe ausführen kann. Zudem kostet es manchen Tagen auch große Überwindung sich selbst und vor anderen Menschen einzugestehen, dass man Hilfe benötigt. Das Gefühl der Abhängigkeit wird dann sehr schnell zur erdrückenden Belastung. Außerdem kommt dann des Öfteren noch die Angst hinzu, dass ich für meine Kommilitonen nur eine Belastung sein könnte, wenn ich sie um Hilfe bitte. Diese Gründe führen nicht selten dazu, dass ich auf besagten Kaffee verzichte oder orientierungslos auf dem Campus herumlaufe um Selbstständigkeit zu trainieren und keine Belastung zu sein.

Rein logisch betrachtet gibt es zumindest für die Angst eine Belastung zu sein keine Begründung. Ganz im Gegenteil: Die allermeisten Menschen sind sehr hilfsbereit und der Großteil meines Freundeskreises habe ich kennen gelernt, als ich die zukünftigen Freunde um Hilfe gebeten hatte. Und trotzdem lassen sich die bereits beschriebenen Gefühle an einigen Tagen nicht abstellen oder verdrängen.

Wenn die Literatur nicht barrierefrei ist Über die Schwierigkeiten barrierefreie Literatur zu beschaffen, habe ich bereits Hier etwas geschrieben.

Die Grundproblematik besteht darin, dass es einen Großteil der benötigten Literatur nicht in digitaler barrierefreier Form gibt. Die Kursliteratur muss dann extra digitalisiert und barrierefrei ausgearbeitet werden, damit ich arbeiten kann. Dies ist allerdings sehr Zeitaufwändig und führt öfter dazu, dass ich die Literatur erst in der Mitte oder sogar am Ende des Semesters erhalte. Eine ordentliche Mitarbeit wird somit von vornherein deutlich erschwert.

Höherer (Zeit-) Aufwand

Als Studierender mit einer Behinderung muss man mit deutlich mehr Aufwand rechnen, als ein Studierender ohne Behinderung. Dies gilt sowohl für den zeitlichen Aspekt, als auch für die Energie, die man in das Studium investieren muss.

Was den zeitlichen Aspekt angeht, lässt sich in etwa feststellen, dass ich für die Vor- und Nachbereitung eines Seminares ungefähr zwei bis drei mal so viel Zeit benötige wie meine sehenden Kommilitonen.

Dies liegt daran, dass sehende Menschen ihre Literatur um ein Vielfaches schneller durcharbeiten können als blinde Menschen. Ein sehender Mensch kann einen Text nach Überschriften gliedern und überfliegen und sich die wichtigsten Stellen markieren. Als Blinder kann man den Text in der Regel nicht nach Überschriften gliedern und überfliegen und sich auch keine wichtigen Stellen markieren. Heißt also, dass die Textarbeit für blinde Menschen wesentlich zeitaufwändiger und auch anstrengender ist. Dadurch, dass ich keine Markierungen vornehmen kann, muss ich mir deutlich mehr merken.

Gleiches gilt für das Verfassen von Hausarbeiten, Aufsätzen oder Referaten. Literatur heraussuchen und diese dann nach Wichtigkeit filtern ist sehr viel schwieriger und zeitaufwändiger für einen Blinden. Der Nachteilsausgleich, Der Menschen mit Behinderungen bei Prüfungen oftmals mehr Zeit einräumt trägt dieser Schwierigkeit zumindest teilweise Rechnung.

Kontaktaufnahme mit anderen Kommilitonen

Eine weitere Schwierigkeit liegt in der Verunsicherung von vielen sehenden Menschen, wenn sie mit einem blinden Menschen zu tun haben. Viele meiner Kommilitonen haben noch nie Kontakt zu einem blinden Menschen gehabt und wissen dem entsprechend oft nicht, wie sie mit dieser neuen Situation umgehen sollen. Bei vielen kommt dann auch noch die Angst dazu, dass sie etwas falsch machen oder unsensibel sein könnten. Dies führt dann oft dazu, dass sie zurückhaltend und sehr vorsichtig auf mich reagieren. Bestimmte Vorurteile können dazu führen, dass ich von Freizeitaktivitäten wie beispielsweise feiern gehen oder sonstige Treffen mit dem Hinweis ausgeschlossen werde: „Dies sei doch nichts für einem Blinden!“ Diese Ausgrenzung ist immer sehr unangenehm.

Einerseits sind die Vorurteile zumeist nicht zutreffend. Ein blinder Mensch kann genauso gut feiern gehen, sich mit Freunden treffen, etwas trinken gehen oder bei einem Spieleabend mitspielen wie sehende Menschen.

Andererseits entsteht somit oft das Gefühl, dass meine Blindheit zwischen mir und meinen Kommilitonen steht. Dieses Gefühl macht sich dann oftmals in dem empfinden ziemlich einsam und verloren als Blinder unter den vielen Sehenden zu sein. Um so schöner ist es dann, wenn diese Vorurteile beseitigt werden können und ich ganz normal mit meiner Behinderung akzeptiert werde und diese gar keine Rolle mehr spielt.

Und trotzdem liebe ich mein Studium

Vielleicht wird sich der ein oder andere nach lesen des Textes nun fragen, ob ein Studium unter diesen Bedingungen überhaupt Spaß machen kann. Diese Frage kann ich mit einem klaren JA beantworten! Trotz der vielen Herausforderungen und Schwierigkeiten gibt es auf der anderen Seite auch eine ganze Menge an positiven Dingen, die Das Studentenleben attraktiv und positiv machen. Nach einem Semester an der Universität Kassel kann und darf ich zufrieden sagen, dass ich mich gut eingelebt habe. Außerdem habe ich einige sehr gute Freunde gefunden, die mich mit meiner Behinderung so akzeptieren und stets bemüht sind mich im Studium und auch da rüber hinaus so gut sie können zu unterstützen. Mit diesem Rückhalt lassen sich auch die größten Schwierigkeiten bewältigen.

Natürlich gibt es diese Tage, an denen mich meine Behinderung stark deprimiert und wie eine schwere Last auf meinen Schultern liegt. Aber unterkriegen lassen möchte ich mich davon nicht, so groß die Herausforderungen auch sein mögen.

Weiteres Über den Alltag eines blinden Studenten an der Universität Kassel kannst du Hier nachlesen.

Blind studieren? So geht’s

Ein Studium ist mit vielen Herausforderungen verknüpft. Schon manch einer hat im Verwaltungsdschungel an einer Universität zwischen Prüfungsordnungen, Selbstorganisation des Studiums und Formalitäten und Besonderheiten einer Universität den Überblick verloren. Dabei wünschte man sich neben seinem eigentlichen Studiengang ein Studium zum Thema „Wie überlebe ich an einer Universität?“

Kommt zudem noch eine Behinderung hinzu, scheint die Bewältigung des Uni-Alltags zunächst fast unmöglich zu werden.

Welche Hindernisse einem blinden Menschen im Studium begegnen, welche Möglichkeiten es gibt diese zu bewältigen und warum mir das Studium trotzdem große Freude bereitet, erfährst du im folgenden Beitrag.

Ich studiere Politikwissenschaft und evangelische Theologie auf Bachelor an der Universität Kassel. Das Studium macht großen Spaß, auch wenn es mit einigen Hindernissen verknüpft ist.

Bis jetzt hat sich jedoch für jedes Problem eine Lösung gefunden.

Studienassistenzen als Unterstützung für den Uni-Alltag

Die wichtigste Voraussetzung für mein Studium sind meine Studienassistenzen. Studienassistenzen sind in der Regel selbst Studenten und helfen mir bei der Orientierung auf dem Campus, bringen mich zu Veranstaltungen oder wichtigen Einrichtungen der Universität und helfen bei der Literaturbeschaffung. Ohne diese Unterstützung wäre ein Studium für mich kaum oder gar nicht möglich.

Das Miteinander mit den Assistenzen muss von Vertrauen und gegenseitigen Respekt geprägt sein. Ich habe den wertvollen Vorteil, dass meine Assistenzen zu meinem engen Freundeskreis gehören.

Kommunikation und Eigeninitiative stehen über allem

Als Studierender mit einer Behinderung sind Kommunikation und Eigeninitiative so ziemlich die wichtigsten Grundvoraussetzungen, dass das Studium erfolgreich verläuft. Noch viel mehr als meine sehenden Kommilitonen muss ich immer wieder das Gespräch mit Professoren, Dozenten, Mitstudenten und der Universitätsverwaltung suchen, um auf mich und meine Blindheit aufmerksam zu machen.

In der Regel muss ich davon ausgehen, dass meine Mitmenschen in der Universität zum ersten Mal mit einem blinden Menschen in Berührung kommen und daher nicht genau wissen, wie sie mich beim Arbeiten und Lernen unterstützen können. Daher musst die Initiative stets von mir ausgehen. Ich muss Professoren, Dozenten und Mitstudenten für meine Bedürfnisse und Schwierigkeiten sensibilisieren.

In den allermeisten Fällen sind Dozenten und Professoren sehr aufgeschlossen, wenn sie von meiner Situation erfahren und wollen mir ermöglichen, dass ich möglichst gut mitarbeiten kann. In der Regel versuche ich vor Semesterbeginn oder aller spätestens in der ersten oder zweiten Veranstaltung, das persönliche Gespräch mit den Dozenten zu suchen, um mit ihnen zu besprechen, wo ich Unterstützung und Hilfe brauche.

So ist eine ganz entscheidende Frage beispielsweise, wie ich mich in einem Seminar beteiligen kann und bemerke, dass mich ein Dozent nach meiner Meldung dran nimmt. Da die Dozenten in der Regel die Namen der Studierenden nicht kennen,wird immer nur auf die entsprechende Person gezeigt, die sich gemeldet hat und etwas beitragen möchte. Da ich keine Möglichkeit habe dies wahrzunehmen, vereinbare ich meistens, dass mich der Dozent mit Namen anspricht, wenn ich mich melde. Diese Vorgehensweise klappt in der Regel sehr gut.

Auch über die Literaturbeschaffung und Prüfungsleistungen spreche ich bereits am Anfang mit den Professoren.

Orientierung auf dem Campus

Die Universität Kassel besitzt einen zentralen Campus, auf dem die meisten Fachbereiche mit ihren Gebäuden angesiedelt sind. Auch die Universitätsverwaltung und die allermeisten Mensen und Cafeterien befinden sich hier.

Glücklicherweise haben sowohl die Politikwissenschaft als auch die Theologie ebenfalls ihre Standorte auf dem Campus. Ein wechseln zwischen mehreren Standorten der Universität Kassel, die sich über die gesamte Stadt Kassel verteilen,bleibt mir somit erspart. Aber auch so ist die Orientierung schon schwierig genug. Das Problem ist, dass der Campus extrem verwinkelt ist, und es somit für blinde Menschen kaum möglich ist, sich eine Karte im Kopf vorzustellen. Hilfreich ist jedoch ein Taktiler Relief-Lageplan des Campus. Der ermöglicht es die Anordnung der Gebäude und die einzelnen Straßen und Wege auf dem Campus zu ertasten. Somit kann man sich als Blinder zumindest ungefähr eine Vorstellung vom Universitätsgelände machen. Problematisch ist, dass der Lageplan den Witterungsbedingungen ungeschützt ausgeliefert ist, da er sich draußen am Anfang des Campus befindet. Regen, Schnee und Hitze haben schon ihre deutlichen Spuren hinterlassen und erschweren das ertasten der Wege und Gebäude deutlich.

Ein spezielles Training für blinde Menschen, bei dem gezielt Wege zum Arbeitsplatz oder der Universität eingeübt werden und Tipps für die Orientierung gegeben werden, würde mir enorm helfen, mich besser auf dem Campus zurechtzufinden. Jedoch muss ein solches Mobilitätstraining bei verschiedenen Stellen beantragt und bewilligt werden. Dies ist ein langwieriger und zeitaufwändiger Prozess und das Training selbst ist ebenfalls sehr zeitintensiv.

Deshalb lasse ich mir in der Regel von Freunden helfen, wenn ich zu einer Veranstaltung muss. Meistens vereinbaren wir vorher einen Treffpunkt, an dem ich abgeholt werde und zu den entsprechenden Gebäuden gebracht und später von dort wieder mitgenommen werde. Nach und nach kann ich somit auch die einzelnen Wege zu den Gebäuden lernen, um mittel bis längerfristig selbstständig am Campus unterwegs zu sein. Meine Frau unterstützt mich ebenfalls bei der Orientierung, indem sie mit mir Wege auf dem Campus einübt.

In den neueren Gebäuden gibt es ebenfalls Lagepläne zum fühlen. Diese Pläne helfen mir meistens etwas mehr, da sie nur einen kleineren Bereich abdecken und nicht den Witterungsverhältnissen ausgeliefert sind.

Zudem haben einige Räume mittlerweile auch Beschriftungen in Blindenschrift. So kann man auch als blinder Mensch die Raumbezeichnungen lesen.

Seminare und Vorlesungen

Ist der Weg zum Hörsaal oder dem Seminarraum erst einmal überwunden, kann ich mich voll und ganz auf die anstehende Veranstaltung und die Leerinhalte fokussieren. Mitschreiben kann ich auf meinem Laptop, auf dem ein Vorlesesystem installiert wurde, welches alle Inhalte, die auf dem Bildschirm zu sehen sind, vorliest. Damit meine Mitstudenten von der Vorlesestimme nicht beim Arbeiten gestört werden, benutze ich Kopfhörer. Zusätzlich habe ich noch ein Gerät an meinem Laptop angeschlossen, welches die Bildschirminhalte in Blindenschrift übersetzt. Somit habe ich die Möglichkeit mir Texte vorlesen zu lassen, oder sie selbst mit den Fingern zu lesen. Je nach Situation ist die ein oder andere Variante vorteilhafter. Das Vorlesenlassen ist in der Regel deutlich schneller als wenn ich die Texte selbst lese. Jedoch ist es schwierig gleichzeitig der Computerstimme im Ohr und dem Dozenten zuzuhören, weshalb ich während der Veranstaltung in der Regel die Bildschirm-Inhalte mit den Fingern lese.

Das Mitschreiben funktioniert in der Regel ähnlich gut und schnell wie bei sehenden Studierenden, da ich vor meinem Studium einen Kurs belegt habe, wo das schnelle Schreiben am Computer mit zehn Fingern blind erlernt wurde.

Probleme gibt es,wenn Dozenten mit Grafiken, Tafelbildern oder Folien arbeiten, die oft wichtige Informationen enthalten, aber in einer Veranstaltung nicht immer so beschrieben werden können. Ein blinder Mensch kann so diese Informationen nicht wahrnehmen. Oftmals helfen mir dann meine Sitznachbarn, indem sie mir beschreiben was vorne zu sehen ist. Des Weiteren versuche ich immer an Anfang des Semesters mit den Dozenten meiner Veranstaltungen zu sprechen, um gemeinsam nach Lösungen für solche Schwierigkeiten zu suchen.

In der Regel werden mir dann Texte, die die Dozenten an die Tafel schreiben oder nur per Folie einblenden als Dokument für meinen Laptop zugeschickt. Ist dies nicht möglich kann ich mir von Kommilitonen ein Foto von den Tafelbildern zukommen lassen und dieses dann von meinen Studienassistenzen digitalisieren lassen.

Oftmals werden Folien und Handouts nach den Veranstaltungen auf eine Online-Plattform hochgeladen. Sind diese im PDF- oder Word-Format, kann ich sie ohne weiteres lesen. Andere Formate wie beispielsweise PowerPoint sind schwieriger, da mein Vorlesesystem diese Formate nicht auslesen kann. Hier hilft jedoch in der Regel auch meistens das Gespräch mit den Dozenten, die sehr entgegenkommend sind und ihre Materialien auch in PDF zur Verfügung stellen.

Literaturbeschaffung und arbeiten in der Bibliothek

In jedem Studiengang verbringt man relativ viel Zeit mit recherchieren und arbeiten in der Bibliothek. Egal ob das vorbereiten von Referaten, das Schreiben von Hausarbeiten oder lernen für Klausuren; die Literaturbeschaffung auch über die in den Veranstaltung behandelte Literatur hinaus, ist unabdingbar.

Für Blinde ist dieser Teil des Studieren vielleicht der Herausforderndste und Schwierigste.

Über die allgemeine Situation bei Literaturbeschaffung für blinde und sehbehinderte Menschen habe ich bereits

In diesem Beitrag

geschrieben. Wissenschaftliche Literatur in Blindenschrift gibt es kaum, und wenn sind Blindenschriftbücher in der Regel viel zu groß, schwer und unhandlich, als dass man mit ihnen gut arbeiten könnte.

Die Literatur sollte daher möglichst in digitaler Form vorliegen. Brauche ich Literatur habe ich mehrere Möglichkeiten.

Zum einen bietet die Universitätsbibliothek Dortmund einen speziellen

Online-Katalog

an, in dem wissenschaftliche Werke gesammelt werden, die digitalisiert und barrierefrei gestaltet wurden.

Findet sich der gesuchte Katalog dort nicht, kann ich über den Katalog der Universitätsbibliothek Kassel nachsehen, ob es dieses Buch als E-Book gibt. Schlägt auch diese Suche fehl, leihe ich das Buch in Schwarzschrift ganz normal in der Bibliothek in Kassel aus. Da ich die Literatur trotzdem in digitaler Form benötige, kann ich nun entweder meine Studienassistenzen fragen, ob sie mir wichtige Passagen einscannen können oder mich an den

Literaturumsetzungsdienst der Universität Kassel

wenden. Meistens dauert die Literaturbeschaffung bei mir erheblich länger als bei sehenden Studierenden. Besonders, wenn es die Literatur noch nicht als E-Book oder Textformat gibt und erst von meinen Assistenzen oder dem Literaturumsetzungsdienst digitalisiert werden muss, ist der Zeitverlust dadurch immens. Unter Umständen kann es so passieren, dass ich Literatur, die eigentlich bereits am Anfang eines Semesters benötigt wird, erst gegen Ende oder sogar nach dem Seminar zur Verfügung gestellt bekomme. Problematisch ist zudem, dass viele Professoren und Dozenten ihre Kursliteratur nur als Reader in Papierform hinterlegen. Eine Online-Version der Reader gibt es oftmals nicht. In solchen Fällen kann zwar auch der Literaturumsetzungsdienst eingreifen, jedoch bekomme ich die Literatur dann erst zeitverzögert. Dies sorgt dafür, dass ich beim Aufarbeiten und Lernen einen deutlichen Rückstand im Vergleich zu meinen Kommilitonen habe, der in der Regel nur schwer oder gar nicht mehr bis zu den Prüfungen aufzuholen ist.

Deutlich unproblematischer hingegen verläuft das Lernen in der Bibliothek. Hier gibt es einen speziellen

Arbeitsraum für Blinde und Sehbehinderte

Dieser Raum ist mit einem PC mit Vorlesesystem, einer Braillezeile, einer Blindenschriftschreibmarschiene und einem Blindenschriftdrucker ausgestattet. Da der Raum nur für registrierte blinde und sehbehinderte Studierende zugänglich ist, lässt es sich dort wunderbar arbeiten und lernen. Gerade in der Klausurenphase, wo sich viele in der Bibliothek aufhalten und Arbeitsplätze knapp werden, ist der Arbeitsraum ein rießen Vorteil und ein tolles Angebot der Universität Kassel.

Prüfungen und Studienleistungen

Zu jedem Studium gehören Prüfungen und Studienleistungen dazu. Als Studierender mit einer nachweisbaren Behinderung habe ich die Möglichkeit einen Nachteilsausgeich für Prüfungen zu beantragen.

Ziel hierbei ist es, den Mehraufwand, den ein Mensch mit Behinderung beim Bearbeiten einer Prüfung hat, weitestgehend auszugleichen.

In meinem Falle besteht der Mehraufwand meistens darin, dass ich für das Lesen und Bearbeiten der Prüfung mehr Zeit benötige als meine sehenden Mitstudierenden. Deshalb bekomme ich meistens 50% mehr Zeit für eine Klausur.

Außerdem schreibe ich Klausuren nicht im gleichen Raum wie meine Kommilitonen, sondern in einem anderen Raum.

Damit ich die Prüfung überhaupt bearbeiten kann, muss diese zunächst digitalisiert werden. Anschließend bekomme ich die Datei kurz vor dem Start per USB-Stick auf meinen Laptop überspielt. Nachdem ich die Aufgaben bearbeitet habe, speichere ich die Datei wieder auf dem USB-Stick und gebe diesen beim Dozenten ab.

Muss ich eine Hausarbeit schreiben, erhalte ich in der Regel zwei Wochen zusätzliche Zeit. Erfahrungsgemäß reichen diese zwei Wochen jedoch nicht aus, um den Mehraufwand einer Hausarbeit auszugleichen.

Es empfiehlt sich daher, so früh wie möglich mit der Literaturrecherche zu beginnen und mit den Dozenten über dieses Problem zu sprechen.

Referate, Essays oder sonstige Studienleistungen erledige ich zumeist genau wie meine Kommilitonen. Besondere Absprachen mit den Dozenten sind hier nicht nötig, solange es keine für mich nur schwer lösbaren Aufgaben wie das Erstellen eines Kurzfilms oder Fotoprojekt ist. In solchen Fällen spreche ich meine Dozenten an und suche nach einer vergleichbaren Ersatzleistung. Diese besteht in der Regel in der schriftlichen Ausarbeitung des Themas.

In den Mensen und Cafeterien

Wer viel lernt hat auch viel Hunger. Diese Weisheit galt wohl schon immer. Und weil dem so ist, bietet die Uni Kassel gleich mehrere Mensen und Caféterien mit gutem Essen und einer angenehmen Atmosphäre an.

In der Regel esse ich mit meinen Freunden, die mich bei der Menüauswahl und Platzwahl unterstützen.

Doch auch ein Besuch ohne sehende Begleitung ist relativ gut machbar. Die Zentralmensa veröffentlicht ihren Speiseplan jede Woche auch in Blindenschrift und hängt diesen im Eingangsbereich aus. Außerdem sind die Mitarbeiter in allen Mensen und Caféterien stets freundlich und hilfsbereit und unterstützen beim Essentragen und Platz suchen. Dort, wo es noch keine Speisekarte in Blindenschrift gibt, wird geduldig das Angebot vorgelesen.

Das Gefühl der Einzige unter Vielen zu sein

Nicht immer fällt es mir leicht trotz meiner Blindheit motiviert und fokussiert zu bleiben. Oftmals ist mein Alltag geprägt vom Improvisieren und Kämpfen um gleiche Bedingungen, wie meine Kommilitonen und Hilflosigkeit, sowie Verzweiflung.

Dinge, die für Sehende nur eine Kleinigkeit sind, muss ich mir oft hart und mühselig erarbeiten.

Mal eben zwischen zwei Veranstaltungen einen Kaffee holen ist, ohne sehende Begleitung nur schwer zu realisieren und kostet meistens so viel Energie, dass ich es oft sein lasse, weil der Tag an der Uni ohnehin schon kraftraubend genug ist.

Zudem erlebe ich immer wieder, wie mir meine Kommilitonen mit negativen Vorurteilen gegen meine Blindheit begegnen. Dies erschwert des Öfteren die Kontaktaufnahme und das Freunde finden erheblich, da viele in mir zunächst nur die Behinderung wahrnehmen.

Zusammengenommen löst hin und wieder ein Gefühl der Einsamkeit und der Ohnmacht aus. Die Frage, ob das Studium trotz Blindheit durchführbar ist, stellt sich mir nicht selten.

Als blinder Student unter so vielen Sehenden bekommt man recht häufig die Grenzen des Leistbaren, Machbaren und der Inklusion aufgezeigt.

Austausch mit anderen blinden oder behinderten Studierenden gibt es recht selten, da die Anzahl der Menschen mit einer Behinderung an der Universität Kassel recht überschaubar ist. Viele bleiben eher für sich. Trotzdem konnte ich ein paar Freunde finden, die mich im Studienalltag unterstützen und mir Kraft spenden.

Warum mit einer Behinderung studieren?

Die Frage, ob sich trotz der vielen Schwierigkeiten und Probleme ein Studium für Menschen mit Behinderung lohnt, kann ich persönlich ganz klar mit einem „Ja“ beantworten. Bisher ließ sich für jede Schwierigkeit eine Lösung finden. Das Lösen von Problemen stärkt Selbstvertrauen und macht Mut für größere Herausforderungen.

Außerdem macht es mir Spaß, mich mit den Studieninhalten auseinanderzusetzen und mich weiterzubilden. Hier in Kassel habe ich die Möglichkeit Politikwissenschaft und evangelische Theologie gleichzeitig zu studieren Das sind die Fächer, die mich am meisten interessieren.

Ich empfehle jedem Menschen mit einer Behinderung, der ein Studium anstrebt und sich die Frage stellt, ob es machbar ist, offen und mutig mit seiner Behinderung umzugehen und sich selbst etwas zuzutrauen. Eine Behinderung sollte einem Studium und später dem Berufswunsch grundsätzlich nicht im Wege stehen.

Mein Berufswunsch ist eindeutig der Journalismus. Hierfür brauche ich ein abgeschlossenes Studium und ich bin fest entschlossen diesen Weg weiter zu gehen, auch wenn er mit einigen Schwierigkeiten und Hindernissen verbunden ist.