Vorurteile über blinde Menschen: Der Faktencheck

Blinde Menschen sehen sich oft mit Vorurteilen konfrontiert. Diese Vorurteile stehen eine gelungene Inklusion des Öfteren im Wege, auch wenn sie selten böswillig gemeint sind.

Doch was ist eigentlich dran an diesen Vorurteilen? Perspektivwechsel unterzieht die gängigsten Vorurteile einem Faktencheck und klärt auf.

Blinde Menschen sehen schwarze Dunkelheit

Stimmt nicht!

Zunächst einmal kommt es darauf an, ob ein Mensch blind oder sehbehindert ist. Sehbehinderte Menschen können in der Regel noch zwischen hell und dunkel unterscheiden und Umrisse wahrnehmen. Aber auch ganz blinde Menschen sehen in der Regel nicht schwarz.

Auch hier muss zwischen den einzelnen Arten von Blindheit unterschieden werden. Je nach Ursache der Blindheit kann es zum Beispiel sein, dass man eine graue Nebelsuppe oder schwarz-weiß-Figuren vor seinem Auge sieht.

Die meisten Blinden sehen jedoch tatsächlich nichts. Nichts ist hier bei keineswegs mit schwarz oder Dunkelheit gleichzusetzen. Für sehende Menschen ist es nur schwer vorstellbar, da es keine wirklichen Vergleiche hierfür gibt. Am nächsten kommt man dem Nichtssehen vielleicht, wenn man sich vorstellt wie man mit seinem Fuß oder seiner Hand sieht.

Bei Blinden Menschen sind die restlichen Sinne stärker und besser ausgeprägt als bei sehenden Menschen

Stimmt!

Blinde und sehbehinderte Menschen müssen sich viel stärker auf den Gehör-, Tast- und Riechsinn und seltener auch auf den Geschmackssinn konzentrieren, um ihre Umwelt wahrzunehmen.

Es ist sogar wissenschaftlich nachgewiesen, dass das menschliche Gehirn in der Lage ist, Teile des Sehzentrums, so umzu-strukturieren, sodass Informationen, die von den anderen Sinnen an das Gehirn weiter gegeben werden, im Sehzentrum mit verarbeitet werden. Das Gehirn eines blinden Menschen passt sich also an den Verlust des Sehzentrums an und konzentriert sich auf die restlichen Sinne.

Dass Blinde anstelle des Sehsinns durch ein besonders gutes Gehör Superkräfte entwickeln können und Geräusche aus kilometerweiter Entfernung richtig identifizieren können, entspricht jedoch nicht der Wahrheit und ist eine Übertreibung aus vielen Filmen und Romanen.

Gleichwohl arbeiten immer mehr blinde Menschen als Masseure oder im medizinischen Bereich bei der Erkennung von Brustkrebs, da der Tastsinn bei blinden Menschen stärker ausgeprägt ist.

Blinde Menschen sind nicht in der Lage alleine das Haus zu verlassen

Stimmt Nicht!

Blinde Menschen sind mithilfe ihres Blindenstocks sehr wohl in der Lage das Haus zu verlassen und sich in der Stadt zu orientieren.

Viele erhalten ein so genanntes Mobilitätstraining, bei dem sie wichtige Routen wie zum nächsten Supermarkt, zum Bahnhof oder zur Arbeitsstelle lernen. Viele Blinde mögen es aber auch ihre Umgebung auf eigene Faust zu entdecken.

Blinde Menschen haben keine Hobbys und langweilen sich den ganzen Tag zu Hause

Stimmt Nicht!

Blinde Menschen haben genau wie sehende Menschen Hobbys und Aktivitäten die sie gerne machen.

In der Regel unterscheiden sich diese Hobbys nicht sonderlich von denen der sehenden Menschen. Es gibt blinde Menschen, die sich für Sport interessieren und auch selbst Sport betreiben. Blinde Menschen treffen sich gerne mit Freunden und gehen etwas trinken. Es gibt blinde Menschen, die gerne Spaziergänge machen oder gerne shoppen gehen.

Blinde Menschen sind nicht in der Lage ihren eigenen Haushalt alleine zu strukturieren und sich selbst zu versorgen

Stimmt in der Regel nicht!

Blinde Menschen sind durchaus in der Lage die grundsätzlich Arbeiten im Haushalt wie Kochen oder Aufräumen alleine durchzuführen. Schwierigkeiten könnte es eventuell beim Putzen geben, da es schwer ist, herauszufinden, ob ein Boden wirklich sauber gewischt ist oder nicht.

Kochen ist in der Regel machbar, wobei sich die meisten blinden Menschen am Anfang sehende Hilfe holen. Viele präparieren ihren Herd auch mit Markierungspunkten, damit sie wissen, auf welche Temperatur der Herd eingestellt ist.

Blinde Menschen können nicht alleine einkaufen gehen

Stimmt nicht!

Das blinde Menschen auch alleine ihr Haus verlassen haben wir bereits geklärt. Und auch einkaufen liegt durchaus im Bereich des möglichen.

Zwar ist es für blinde Menschen schwierig bis unmöglich, ganz alleine durch einen Supermarkt oder ein Geschäft zu laufen und die bestimmten Produkte aus den Regalen auszusuchen, jedoch bieten mittlerweile viele Supermärkte und Geschäfte spezielle Einkaufshilfen an.

So kann man sich als blinder Mensch meistens an der Kasse melden und bekommt dann entweder einen Mitarbeiter an die Seite gestellt, der mit einem durch das Geschäft läuft und die gewünschten Produkte holt oder man gibt an der Kasse seinen Einkaufszettel ab und bekommt die Produkte direkt dorthin gebracht.

Online einkaufen ist in den allermeisten Fällen auch komplett ohne sehende Hilfe möglich.

Blinde Menschen können kein Smartphone und keinen Computer benutzen und sind deshalb völlig abgeschnitten von der digitalen Welt

Stimmt nicht!

Wie blinde ein Smartphone nutzen können und wie es sogar als Hilfsmittel eingesetzt werden kann habe ich

Hier

beschrieben.

Die meisten Smartphones und viele Computer haben eine spezielle Software, die blinden Menschen die Bildschirminhalte vorliest. So ist es auch für blinde Menschen möglich im Internet zu surfen und zu chatten. Mittlerweile werden sogar die beliebten Emojis und Fotos beschrieben.

Blinde Menschen sind immer traurig und schlecht gelaunt wegen der Behinderung

Stimmt nicht!

Natürlich hat jeder Blinde auch mal schlechte Tage und ist öfter traurig wegen der Behinderung. Es ist aber keineswegs so, dass blinde Menschen immer nur traurig und enttäuscht in der Ecke sitzen. Die aller meisten haben sich mit ihrem Handikap abgefunden und versuchen das Beste aus der Situation zu machen und führen ein glückliches und zufriedenes Leben. Schlechte Tage gehören ja auch zum Alltag der sehenden Menschen dazu.

Blinde Menschen interessieren sich nicht für Mode und ihr Aussehen

Kann nicht mit stimmt oder stimmt nicht beantwortet werden!

Ähnlich wie bei sehenden Menschen gibt es auch bei blinden Menschen solche, die viel Wert auf ihr Äußeres und Mode legen und andere, denen es relativ egal ist.

Blind zu sein, bedeutet auf jeden Fall nicht automatisch, dass man sich nicht für Mode und seine Kleidung interessiert. Es gibt Menschen, die sich beim Kleiderkauf ganz genau beschreiben lassen wie das Kleidungsstück aussieht und welche Farbe es hat. Mittlerweile gibt es sogar einige Apps, die blinden Menschen die Farbe von Produkten und Kleidungsstücken beschreiben können. Man hält dann das Smartphone mit der Kamera in Richtung des Kleidungsstück und die App erkennt dann mehr oder weniger zuverlässig die Farbe.

Andere wiederrum befühlen das Kleidungsstück ganz genau und entscheiden dann danach, ob es sich schön oder weniger schön anfühlt.

Und dann gibt es noch diejenigen, denen es wirklich egal ist wie die Kleidungsstücke aussehen oder sich anfühlen. Auch im Bereich Frisur oder schminken kann man nicht grundsätzlich davon ausgehen, dass dies für blinde Menschen uninteressant ist. Viele blinde Frauen schminken sich selbst sehr gerne. Manche lassen sich von Sehenden helfen, aber sehr viele Frauen schminken sich ohne sehende Hilfe.

Auch beim Friseur haben viele Blinde ganz genaue Vorstellungen davon wie ihre Frisur aussehen soll.

Blinde Menschen waren als Kind grundsätzlich auf Blindenschulen

Stimmt nicht mehr!

Noch vor gar nicht allzu langer Zeit war es selbstverständlich, dass ein blindes Kind auf eine Blindenschule gehen muss. Doch seitdem Deutschland vor zehn Jahren die UN Behinderten Rechts Konvention ratifiziert hat, haben Kinder mit einer Behinderung ein Recht darauf mit nicht behinderten Kindern unterrichtet zu werden. Seitdem gibt es auch immer mehr blinde Kinder, die als Inklusionsschüler auf eine Regelschule gehen. Ich durfte ab dem dritten Schuljahr als Inklusionsschüler mit sehenden Schülern zusammen auf eine Schule gehen und habe 2016 als erster blinder Mensch das Zentralabitur in Hessen an einer Regelschule absolviert.

Nach der Schulzeit werden Blinde Menschen arbeitslos oder arbeiten in Blindenwerkstädten

Stimmt nicht!
Tatsächlich ist erwiesen, dass es Menschen mit einer Behinderung deutlich schwerer haben, einen Job zu finden als Menschen ohne Behinderung. Des Weiteren ist die Arbeitslosenquote bei blinden Menschen wesentlich höher als bei Sehenden. Daraus abzuleiten, dass blinde Menschen grundsätzlich keine Chance haben eine Arbeit zu finden und wenn dann nur in einer Blindenwerkstatt, entbehrt jedoch jeglicher Grundlage. Blinde Menschen arbeiten in fast jeder Branche und in fast jedem Berufsfeld. Viele Blinde machen nach dem Schulabschluss eine Ausbildung oder ein Studium und spezialisieren sich weiter. Zwar erleben blinde Menschen immer wieder, dass Arbeitgeber erst einmal äußerst skeptisch sind, jedoch gelingt es oft die Arbeitgeber positiv umzustimmen und von der Leistungsfähigkeit zu überzeugen.

Blinde Menschen können keine Treppen laufen

Stimmt nicht!

Blinde Menschen können genauso gut wie sehende Menschen eine Treppe benutzen. Der fehlende Sehsinn stellt hier kein großes Hindernis dar. Mit dem Blindenstock können Blinde die Stufen vor sich gut ertasten und wissen somit genau, wann eine Treppe beginnt und wo sie aufhört.

Nach gendergerechter Sprache: brauchen wir jetzt auch eine behindertengerechte Sprache?

Zurzeit wird viel darüber gestritten, ob die Bezeichnung Menschen mit Behinderung im 21. Jahrhundert noch zeitgemäß ist. Vermehrt werden Stimmen laut, die den Begriff Behinderung rassistisch finden und lieber von Menschen mit besonderen Bedürfnissen anstatt Menschen mit Behinderung sprechen.

Andererseits sind Menschen ohne ein Handikap verunsichert, wie sie am besten mit einem Menschen mit Handikap kommunizieren sollen. Sie fragen sich beispielsweise, ob man zu einem blinden Menschen Sätze wie, schön dich zu sehen oder auf Wiedersehen sagen kann.

Brauchen wir nach der Debatte zur gendergerechten Sprache nun auch eine Debatte über behindertengerechte Sprache?

Sprache im Wandel

Unsere Sprache befindet sich, wie unsere gesamte Gesellschaft in einem stetigen Wandel. Redewendungen und Begriffe, die lange Zeit zur Alltagssprache gehört haben, kommen mit der Zeit aus der Mode, weil sie nicht mehr zeitgemäß sind, sich die Perspektiven verändert haben oder weil ihnen Diskriminierung von Minderheiten unterstellt wird. Als Beispiel dafür, wie sich Sprache verändert, kann das Wort Inklusion gelten. Als ich im Jahre 2006 von der Blindenschule auf eine Regelschule für sehende Schüler wechselte, sprach man nicht von Inklusion, sondern viel mehr von Integration. Der Begriff Inklusion hat sich erst in den letzten Jahren durchgesetzt und mittlerweile spricht man nur noch von Inklusion und im Zusammenhang von Menschen mit Behinderung kaum noch von Integration.

Mit dem Wandel von Integration zu Inklusion hat sich auch die Perspektive von der Eingliederung von Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft verändert. Während Integration meint, dass sich der Mensch, der in die Gesellschaft eingegliedert werden soll, an die Gesellschaft anpassen muss, bedeutet Inklusion, dass sich sowohl Gesellschaft als auch der Mensch der eingegliedert wird, aneinander anpassen. Inklusion geschieht also von beiden Seiten, während Integration in der Regel nur eine einseitige Geschichte ist.

Das sich Sprache mit Sichtweisen und Ansichten der Gesellschaft wandelt, ist also völlig normal und oftmals auch sinnvoll.

Schwieriger wird es jedoch, wenn von bestimmten Gruppen versucht wird, Sprache aufgrund von bestimmten Werte- vorstellungen zu verändern. Oftmals wird dieser Versuch mit Political correctness umschrieben.

Bestes Beispiel hierfür ist die gendergerechte Sprache, die für Gleichberechtigung aller Geschlechter im Sprachgebrauch sorgen soll. So wird aus Studenten Studierende und Kollegen werden zu Kolleg*Innen.

Auch vor Menschen mit Behinderungen macht die Political Correctness keinen Halt. Derzeit wird immer häufiger gefordert den Begriff Behinderung aus dem Wortschatz zu streichen und stattdessen von Menschen mit besonderen Bedürfnissen oder von Menschen mit Handikap zu sprechen. Auch bei den Bezeichnungen von Behinderungen soll eine Sprache etabliert werden, die sich behindertengerechter anhört. So findet man immer häufiger die Bezeichnung sehgeschädigte Menschen anstatt blinde/sehbehinderte Menschen.

Diese Forderungen nach einer behindertengerechten Sprache kommen zumeist von Menschen mit einer Behinderung selbst. Tatsächlich fühlen sich viele Menschen durch den Begriff Behinderung diskriminiert, da viele das Wort Behinderung negativ belegt ist und sogar des Öfteren als Schimpfwort verwendet wird.

Zu diesem Thema habe ichHier

bereits einen Beitrag verfasst.

Des Weiteren fordern immer mehr Menschen, dass sich die Sprache ihrem Handikap anpassen sollte. Dies würde dazu führen, dass man zu einem blinden Menschen nicht mehr auf Wiedersehen sagen kann, sondern sich eine alternative Redewendung überlegen muss. Menschen ohne Handicap versuchen mehr und mehr ihre Sprache einer Behinderung anzupassen, wenn sie sich mit einem Menschen mit Handikap unterhalten.

Die Grenzen der behindertengerechten Sprache

Doch ist es überhaupt möglich eine behindertengerechte Sprache zu etablieren? Stellt man sich diese Frage wird man recht schnell zu dem Ergebnis kommen, dass es unmöglich ist, die deutsche Sprache so zu verändern, dass alle oder zumindest viele Behinderungen berücksichtigt werden.

Der Widerspruch wird deutlich, wenn man einmal versucht eine alltägliche Redewendung wie „schön dich zu sehen!“ versucht behindertengerecht zu verändern.

Da wären zunächst blinde Menschen, die ihr Gegenüber nicht sehen können und einfordern, dass man statt sehen einen anderen Begriff verwendet. Da blinde Menschen ihren Gesprächspartner zumeist an der Stimme erkennen, würde es sich anbieten statt „Schön dich zu sehen!“ „Schön dich zu hören!“ zu sagen.

Dann würden aber die gehörlosen Menschen protestieren, da sie ihr Gegenüber natürlich nicht hören können.

An diesem Beispiel wird die Problematik und Sinnlosigkeit des Versuchs Sprache krampfhaft behindertengerecht zu gestalten offenbar.

Warum eigentlich behindertengerechte Sprache?

Des Weiteren wird durch den Widerspruch die Frage aufgeworfen, ob und wieso wir überhaupt eine behindertengerechte Sprache brauchen?

Warum fühlen sich Menschen durch das Wort Behinderung diskriminiert und negativ stigmatisiert? Und warum wünschen sich so viele Menschen, dass sich Sprache an ihrem Handikap orientiert und anpasst? In diesem Zusammenhang muss aber auch gefragt werden, warum Menschen ohne Handikap des Öfteren krampfhaft versuchen ihre Sprache behindertengerecht anzupassen, sobald sie mit einem Menschen mit Behinderung kommunizieren.

Sicherlich hat jeder ganz individuell seine eigenen Antworten auf diese Fragen und deshalb ist es nicht möglich, dass dieser Beitrag ausreichende Erklärungen abliefert.

Trotzdem möchte ich es wagen zumindest teilweise eine Erklärung zu geben.

Sprache ist in gewisser Weise immer auch Spiegel der Gesellschaft oder zumindest von demjenigen, der gerade das Gespräch führt. Als Beispiel sei hier an dem Wortwandel von Integration zu Inklusion erinnert, den ich am Anfang des Textes erläutert habe.

Wenn sich so viele Menschen von dem Wort Behinderung diskriminiert und negativ stigmatisiert fühlen, ist das Grund genug zu fragen, wie unsere Gesellschaft mit Behinderungen umgeht.

Oftmals gibt es noch große Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderung. Diese Vorurteile entstehen zumeist nicht aus Boshaftigkeit, sondern viel mehr aus Unwissenheit. Vorurteile stecken Menschen mit Behinderung meistens in eine Schublade, aus der sie so ohne weiteres nicht mehr herauskommen.

Allerdings muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass diese Vorurteile nicht immer nur von Menschen ohne Handikap verbreitet werden, sondern immer wieder auch von Menschen mit Handikap. Viele Menschen mit einer Behinderung haben selbst eine eher negative Wahrnehmung von sich selbst und ihrer Behinderung. Zwar kann dies auch auf die gesellschaftliche Wahrnehmung zurückgeführt werden, jedoch werden Vorurteile dadurch eher noch verstärkt.

Zur Behinderung stehen

Eine andere Möglichkeit, als die der zwanghaften Sprachenumwandlung wäre, dafür einzustehen, dass das Wort Behinderung nicht mehr so negative Gefühle auslöst. Meine persönliche Einstellung ist, dass meine Blindheit ein Teil von mir und meiner Persönlichkeit ist. Natürlich ist es nicht immer einfach damit zu leben, aber trotzdem ist mein Leben lebenswert und schön. Ich brauche keine besonderen Wortformulierungen und keine Veränderung der Sprache, um besser mit meiner Behinderung leben zu können. Ich habe eine Behinderung, die sich Blindheit nennt und dazu stehe ich. Deshalb ist es auch in Ordnung, dass ich ein Mensch mit Blindheit oder Behinderung bin.

In der Debatte um behindertengerechte Sprache würde ein wenig mehr Realismus gut tun. Wenn ich statt Mensch mit Behinderung ab heute nur noch Menschen mit besonderen Bedürfnissen sage, verändert sich ja nichts an der Grundeinstellung und Mentalität der Gesellschaft. Vielmehr muss darüber gesprochen werden, warum sich für einige Menschen der Begriff Behinderung diskriminierend anhört.

Wir Menschen mit Behinderung sollten den Menschen ohne eine offensichtliche Behinderung deutlich sagen, dass unsere Behinderung ein Teil von unserer Persönlichkeit ist, den man nicht durch zwanghafte sprachliche Veränderung klein reden oder leugnen sollte. Wir sollten ihnen zeigen, dass zu unserer Gesellschaft auch Menschen mit einer Behinderung ganz normal und ganz selbstverständlich dazu gehören sollten.

Das Statistische Bundesamt hat ermittelt, dass Ende 2017 9,4 % der deutschen Bevölkerung eine schwere Behinderung hatte. Das ist immerhin etwa jeder zehnte Bundesbürger.

Der Appell lautet deshalb: Lasst uns aufhören durch erzwungene Veränderung der Sprache Behinderungen klein zu reden oder zu verdrängen! Lasst uns auch durch den Gebrauch von Sprache zeigen, dass Behinderung ganz selbstverständlich zu unserer Gesellschaft dazugehören sollte.

Des Weiteren ist es trotz der Bemühungen eine behindertengerechte Sprache zu etablieren höchst fraglich, ob sich die Mehrheit der Menschen mit Behinderung dadurch wohler und weniger diskriminiert fühlt. In der Regel wünschen sich immer noch sehr viele Menschen, dass man mit ihnen ganz normal kommuniziert und komplizierte Sätze und Redewendungen, die die Behinderung verschleiern oder umgehen sollen, vermeidet. Deswegen sollten Menschen ohne eine Behinderung viel öfter Alltagssprache verwenden und zum Beispiel zu einem blinden Menschen auf Wiedersehen sagen.

Blind studieren? So geht’s

Ein Studium ist mit vielen Herausforderungen verknüpft. Schon manch einer hat im Verwaltungsdschungel an einer Universität zwischen Prüfungsordnungen, Selbstorganisation des Studiums und Formalitäten und Besonderheiten einer Universität den Überblick verloren. Dabei wünschte man sich neben seinem eigentlichen Studiengang ein Studium zum Thema „Wie überlebe ich an einer Universität?“

Kommt zudem noch eine Behinderung hinzu, scheint die Bewältigung des Uni-Alltags zunächst fast unmöglich zu werden.

Welche Hindernisse einem blinden Menschen im Studium begegnen, welche Möglichkeiten es gibt diese zu bewältigen und warum mir das Studium trotzdem große Freude bereitet, erfährst du im folgenden Beitrag.

Ich studiere Politikwissenschaft und evangelische Theologie auf Bachelor an der Universität Kassel. Das Studium macht großen Spaß, auch wenn es mit einigen Hindernissen verknüpft ist.

Bis jetzt hat sich jedoch für jedes Problem eine Lösung gefunden.

Studienassistenzen als Unterstützung für den Uni-Alltag

Die wichtigste Voraussetzung für mein Studium sind meine Studienassistenzen. Studienassistenzen sind in der Regel selbst Studenten und helfen mir bei der Orientierung auf dem Campus, bringen mich zu Veranstaltungen oder wichtigen Einrichtungen der Universität und helfen bei der Literaturbeschaffung. Ohne diese Unterstützung wäre ein Studium für mich kaum oder gar nicht möglich.

Das Miteinander mit den Assistenzen muss von Vertrauen und gegenseitigen Respekt geprägt sein. Ich habe den wertvollen Vorteil, dass meine Assistenzen zu meinem engen Freundeskreis gehören.

Kommunikation und Eigeninitiative stehen über allem

Als Studierender mit einer Behinderung sind Kommunikation und Eigeninitiative so ziemlich die wichtigsten Grundvoraussetzungen, dass das Studium erfolgreich verläuft. Noch viel mehr als meine sehenden Kommilitonen muss ich immer wieder das Gespräch mit Professoren, Dozenten, Mitstudenten und der Universitätsverwaltung suchen, um auf mich und meine Blindheit aufmerksam zu machen.

In der Regel muss ich davon ausgehen, dass meine Mitmenschen in der Universität zum ersten Mal mit einem blinden Menschen in Berührung kommen und daher nicht genau wissen, wie sie mich beim Arbeiten und Lernen unterstützen können. Daher musst die Initiative stets von mir ausgehen. Ich muss Professoren, Dozenten und Mitstudenten für meine Bedürfnisse und Schwierigkeiten sensibilisieren.

In den allermeisten Fällen sind Dozenten und Professoren sehr aufgeschlossen, wenn sie von meiner Situation erfahren und wollen mir ermöglichen, dass ich möglichst gut mitarbeiten kann. In der Regel versuche ich vor Semesterbeginn oder aller spätestens in der ersten oder zweiten Veranstaltung, das persönliche Gespräch mit den Dozenten zu suchen, um mit ihnen zu besprechen, wo ich Unterstützung und Hilfe brauche.

So ist eine ganz entscheidende Frage beispielsweise, wie ich mich in einem Seminar beteiligen kann und bemerke, dass mich ein Dozent nach meiner Meldung dran nimmt. Da die Dozenten in der Regel die Namen der Studierenden nicht kennen,wird immer nur auf die entsprechende Person gezeigt, die sich gemeldet hat und etwas beitragen möchte. Da ich keine Möglichkeit habe dies wahrzunehmen, vereinbare ich meistens, dass mich der Dozent mit Namen anspricht, wenn ich mich melde. Diese Vorgehensweise klappt in der Regel sehr gut.

Auch über die Literaturbeschaffung und Prüfungsleistungen spreche ich bereits am Anfang mit den Professoren.

Orientierung auf dem Campus

Die Universität Kassel besitzt einen zentralen Campus, auf dem die meisten Fachbereiche mit ihren Gebäuden angesiedelt sind. Auch die Universitätsverwaltung und die allermeisten Mensen und Cafeterien befinden sich hier.

Glücklicherweise haben sowohl die Politikwissenschaft als auch die Theologie ebenfalls ihre Standorte auf dem Campus. Ein wechseln zwischen mehreren Standorten der Universität Kassel, die sich über die gesamte Stadt Kassel verteilen,bleibt mir somit erspart. Aber auch so ist die Orientierung schon schwierig genug. Das Problem ist, dass der Campus extrem verwinkelt ist, und es somit für blinde Menschen kaum möglich ist, sich eine Karte im Kopf vorzustellen. Hilfreich ist jedoch ein Taktiler Relief-Lageplan des Campus. Der ermöglicht es die Anordnung der Gebäude und die einzelnen Straßen und Wege auf dem Campus zu ertasten. Somit kann man sich als Blinder zumindest ungefähr eine Vorstellung vom Universitätsgelände machen. Problematisch ist, dass der Lageplan den Witterungsbedingungen ungeschützt ausgeliefert ist, da er sich draußen am Anfang des Campus befindet. Regen, Schnee und Hitze haben schon ihre deutlichen Spuren hinterlassen und erschweren das ertasten der Wege und Gebäude deutlich.

Ein spezielles Training für blinde Menschen, bei dem gezielt Wege zum Arbeitsplatz oder der Universität eingeübt werden und Tipps für die Orientierung gegeben werden, würde mir enorm helfen, mich besser auf dem Campus zurechtzufinden. Jedoch muss ein solches Mobilitätstraining bei verschiedenen Stellen beantragt und bewilligt werden. Dies ist ein langwieriger und zeitaufwändiger Prozess und das Training selbst ist ebenfalls sehr zeitintensiv.

Deshalb lasse ich mir in der Regel von Freunden helfen, wenn ich zu einer Veranstaltung muss. Meistens vereinbaren wir vorher einen Treffpunkt, an dem ich abgeholt werde und zu den entsprechenden Gebäuden gebracht und später von dort wieder mitgenommen werde. Nach und nach kann ich somit auch die einzelnen Wege zu den Gebäuden lernen, um mittel bis längerfristig selbstständig am Campus unterwegs zu sein. Meine Frau unterstützt mich ebenfalls bei der Orientierung, indem sie mit mir Wege auf dem Campus einübt.

In den neueren Gebäuden gibt es ebenfalls Lagepläne zum fühlen. Diese Pläne helfen mir meistens etwas mehr, da sie nur einen kleineren Bereich abdecken und nicht den Witterungsverhältnissen ausgeliefert sind.

Zudem haben einige Räume mittlerweile auch Beschriftungen in Blindenschrift. So kann man auch als blinder Mensch die Raumbezeichnungen lesen.

Seminare und Vorlesungen

Ist der Weg zum Hörsaal oder dem Seminarraum erst einmal überwunden, kann ich mich voll und ganz auf die anstehende Veranstaltung und die Leerinhalte fokussieren. Mitschreiben kann ich auf meinem Laptop, auf dem ein Vorlesesystem installiert wurde, welches alle Inhalte, die auf dem Bildschirm zu sehen sind, vorliest. Damit meine Mitstudenten von der Vorlesestimme nicht beim Arbeiten gestört werden, benutze ich Kopfhörer. Zusätzlich habe ich noch ein Gerät an meinem Laptop angeschlossen, welches die Bildschirminhalte in Blindenschrift übersetzt. Somit habe ich die Möglichkeit mir Texte vorlesen zu lassen, oder sie selbst mit den Fingern zu lesen. Je nach Situation ist die ein oder andere Variante vorteilhafter. Das Vorlesenlassen ist in der Regel deutlich schneller als wenn ich die Texte selbst lese. Jedoch ist es schwierig gleichzeitig der Computerstimme im Ohr und dem Dozenten zuzuhören, weshalb ich während der Veranstaltung in der Regel die Bildschirm-Inhalte mit den Fingern lese.

Das Mitschreiben funktioniert in der Regel ähnlich gut und schnell wie bei sehenden Studierenden, da ich vor meinem Studium einen Kurs belegt habe, wo das schnelle Schreiben am Computer mit zehn Fingern blind erlernt wurde.

Probleme gibt es,wenn Dozenten mit Grafiken, Tafelbildern oder Folien arbeiten, die oft wichtige Informationen enthalten, aber in einer Veranstaltung nicht immer so beschrieben werden können. Ein blinder Mensch kann so diese Informationen nicht wahrnehmen. Oftmals helfen mir dann meine Sitznachbarn, indem sie mir beschreiben was vorne zu sehen ist. Des Weiteren versuche ich immer an Anfang des Semesters mit den Dozenten meiner Veranstaltungen zu sprechen, um gemeinsam nach Lösungen für solche Schwierigkeiten zu suchen.

In der Regel werden mir dann Texte, die die Dozenten an die Tafel schreiben oder nur per Folie einblenden als Dokument für meinen Laptop zugeschickt. Ist dies nicht möglich kann ich mir von Kommilitonen ein Foto von den Tafelbildern zukommen lassen und dieses dann von meinen Studienassistenzen digitalisieren lassen.

Oftmals werden Folien und Handouts nach den Veranstaltungen auf eine Online-Plattform hochgeladen. Sind diese im PDF- oder Word-Format, kann ich sie ohne weiteres lesen. Andere Formate wie beispielsweise PowerPoint sind schwieriger, da mein Vorlesesystem diese Formate nicht auslesen kann. Hier hilft jedoch in der Regel auch meistens das Gespräch mit den Dozenten, die sehr entgegenkommend sind und ihre Materialien auch in PDF zur Verfügung stellen.

Literaturbeschaffung und arbeiten in der Bibliothek

In jedem Studiengang verbringt man relativ viel Zeit mit recherchieren und arbeiten in der Bibliothek. Egal ob das vorbereiten von Referaten, das Schreiben von Hausarbeiten oder lernen für Klausuren; die Literaturbeschaffung auch über die in den Veranstaltung behandelte Literatur hinaus, ist unabdingbar.

Für Blinde ist dieser Teil des Studieren vielleicht der Herausforderndste und Schwierigste.

Über die allgemeine Situation bei Literaturbeschaffung für blinde und sehbehinderte Menschen habe ich bereits

In diesem Beitrag

geschrieben. Wissenschaftliche Literatur in Blindenschrift gibt es kaum, und wenn sind Blindenschriftbücher in der Regel viel zu groß, schwer und unhandlich, als dass man mit ihnen gut arbeiten könnte.

Die Literatur sollte daher möglichst in digitaler Form vorliegen. Brauche ich Literatur habe ich mehrere Möglichkeiten.

Zum einen bietet die Universitätsbibliothek Dortmund einen speziellen

Online-Katalog

an, in dem wissenschaftliche Werke gesammelt werden, die digitalisiert und barrierefrei gestaltet wurden.

Findet sich der gesuchte Katalog dort nicht, kann ich über den Katalog der Universitätsbibliothek Kassel nachsehen, ob es dieses Buch als E-Book gibt. Schlägt auch diese Suche fehl, leihe ich das Buch in Schwarzschrift ganz normal in der Bibliothek in Kassel aus. Da ich die Literatur trotzdem in digitaler Form benötige, kann ich nun entweder meine Studienassistenzen fragen, ob sie mir wichtige Passagen einscannen können oder mich an den

Literaturumsetzungsdienst der Universität Kassel

wenden. Meistens dauert die Literaturbeschaffung bei mir erheblich länger als bei sehenden Studierenden. Besonders, wenn es die Literatur noch nicht als E-Book oder Textformat gibt und erst von meinen Assistenzen oder dem Literaturumsetzungsdienst digitalisiert werden muss, ist der Zeitverlust dadurch immens. Unter Umständen kann es so passieren, dass ich Literatur, die eigentlich bereits am Anfang eines Semesters benötigt wird, erst gegen Ende oder sogar nach dem Seminar zur Verfügung gestellt bekomme. Problematisch ist zudem, dass viele Professoren und Dozenten ihre Kursliteratur nur als Reader in Papierform hinterlegen. Eine Online-Version der Reader gibt es oftmals nicht. In solchen Fällen kann zwar auch der Literaturumsetzungsdienst eingreifen, jedoch bekomme ich die Literatur dann erst zeitverzögert. Dies sorgt dafür, dass ich beim Aufarbeiten und Lernen einen deutlichen Rückstand im Vergleich zu meinen Kommilitonen habe, der in der Regel nur schwer oder gar nicht mehr bis zu den Prüfungen aufzuholen ist.

Deutlich unproblematischer hingegen verläuft das Lernen in der Bibliothek. Hier gibt es einen speziellen

Arbeitsraum für Blinde und Sehbehinderte

Dieser Raum ist mit einem PC mit Vorlesesystem, einer Braillezeile, einer Blindenschriftschreibmarschiene und einem Blindenschriftdrucker ausgestattet. Da der Raum nur für registrierte blinde und sehbehinderte Studierende zugänglich ist, lässt es sich dort wunderbar arbeiten und lernen. Gerade in der Klausurenphase, wo sich viele in der Bibliothek aufhalten und Arbeitsplätze knapp werden, ist der Arbeitsraum ein rießen Vorteil und ein tolles Angebot der Universität Kassel.

Prüfungen und Studienleistungen

Zu jedem Studium gehören Prüfungen und Studienleistungen dazu. Als Studierender mit einer nachweisbaren Behinderung habe ich die Möglichkeit einen Nachteilsausgeich für Prüfungen zu beantragen.

Ziel hierbei ist es, den Mehraufwand, den ein Mensch mit Behinderung beim Bearbeiten einer Prüfung hat, weitestgehend auszugleichen.

In meinem Falle besteht der Mehraufwand meistens darin, dass ich für das Lesen und Bearbeiten der Prüfung mehr Zeit benötige als meine sehenden Mitstudierenden. Deshalb bekomme ich meistens 50% mehr Zeit für eine Klausur.

Außerdem schreibe ich Klausuren nicht im gleichen Raum wie meine Kommilitonen, sondern in einem anderen Raum.

Damit ich die Prüfung überhaupt bearbeiten kann, muss diese zunächst digitalisiert werden. Anschließend bekomme ich die Datei kurz vor dem Start per USB-Stick auf meinen Laptop überspielt. Nachdem ich die Aufgaben bearbeitet habe, speichere ich die Datei wieder auf dem USB-Stick und gebe diesen beim Dozenten ab.

Muss ich eine Hausarbeit schreiben, erhalte ich in der Regel zwei Wochen zusätzliche Zeit. Erfahrungsgemäß reichen diese zwei Wochen jedoch nicht aus, um den Mehraufwand einer Hausarbeit auszugleichen.

Es empfiehlt sich daher, so früh wie möglich mit der Literaturrecherche zu beginnen und mit den Dozenten über dieses Problem zu sprechen.

Referate, Essays oder sonstige Studienleistungen erledige ich zumeist genau wie meine Kommilitonen. Besondere Absprachen mit den Dozenten sind hier nicht nötig, solange es keine für mich nur schwer lösbaren Aufgaben wie das Erstellen eines Kurzfilms oder Fotoprojekt ist. In solchen Fällen spreche ich meine Dozenten an und suche nach einer vergleichbaren Ersatzleistung. Diese besteht in der Regel in der schriftlichen Ausarbeitung des Themas.

In den Mensen und Cafeterien

Wer viel lernt hat auch viel Hunger. Diese Weisheit galt wohl schon immer. Und weil dem so ist, bietet die Uni Kassel gleich mehrere Mensen und Caféterien mit gutem Essen und einer angenehmen Atmosphäre an.

In der Regel esse ich mit meinen Freunden, die mich bei der Menüauswahl und Platzwahl unterstützen.

Doch auch ein Besuch ohne sehende Begleitung ist relativ gut machbar. Die Zentralmensa veröffentlicht ihren Speiseplan jede Woche auch in Blindenschrift und hängt diesen im Eingangsbereich aus. Außerdem sind die Mitarbeiter in allen Mensen und Caféterien stets freundlich und hilfsbereit und unterstützen beim Essentragen und Platz suchen. Dort, wo es noch keine Speisekarte in Blindenschrift gibt, wird geduldig das Angebot vorgelesen.

Das Gefühl der Einzige unter Vielen zu sein

Nicht immer fällt es mir leicht trotz meiner Blindheit motiviert und fokussiert zu bleiben. Oftmals ist mein Alltag geprägt vom Improvisieren und Kämpfen um gleiche Bedingungen, wie meine Kommilitonen und Hilflosigkeit, sowie Verzweiflung.

Dinge, die für Sehende nur eine Kleinigkeit sind, muss ich mir oft hart und mühselig erarbeiten.

Mal eben zwischen zwei Veranstaltungen einen Kaffee holen ist, ohne sehende Begleitung nur schwer zu realisieren und kostet meistens so viel Energie, dass ich es oft sein lasse, weil der Tag an der Uni ohnehin schon kraftraubend genug ist.

Zudem erlebe ich immer wieder, wie mir meine Kommilitonen mit negativen Vorurteilen gegen meine Blindheit begegnen. Dies erschwert des Öfteren die Kontaktaufnahme und das Freunde finden erheblich, da viele in mir zunächst nur die Behinderung wahrnehmen.

Zusammengenommen löst hin und wieder ein Gefühl der Einsamkeit und der Ohnmacht aus. Die Frage, ob das Studium trotz Blindheit durchführbar ist, stellt sich mir nicht selten.

Als blinder Student unter so vielen Sehenden bekommt man recht häufig die Grenzen des Leistbaren, Machbaren und der Inklusion aufgezeigt.

Austausch mit anderen blinden oder behinderten Studierenden gibt es recht selten, da die Anzahl der Menschen mit einer Behinderung an der Universität Kassel recht überschaubar ist. Viele bleiben eher für sich. Trotzdem konnte ich ein paar Freunde finden, die mich im Studienalltag unterstützen und mir Kraft spenden.

Warum mit einer Behinderung studieren?

Die Frage, ob sich trotz der vielen Schwierigkeiten und Probleme ein Studium für Menschen mit Behinderung lohnt, kann ich persönlich ganz klar mit einem „Ja“ beantworten. Bisher ließ sich für jede Schwierigkeit eine Lösung finden. Das Lösen von Problemen stärkt Selbstvertrauen und macht Mut für größere Herausforderungen.

Außerdem macht es mir Spaß, mich mit den Studieninhalten auseinanderzusetzen und mich weiterzubilden. Hier in Kassel habe ich die Möglichkeit Politikwissenschaft und evangelische Theologie gleichzeitig zu studieren Das sind die Fächer, die mich am meisten interessieren.

Ich empfehle jedem Menschen mit einer Behinderung, der ein Studium anstrebt und sich die Frage stellt, ob es machbar ist, offen und mutig mit seiner Behinderung umzugehen und sich selbst etwas zuzutrauen. Eine Behinderung sollte einem Studium und später dem Berufswunsch grundsätzlich nicht im Wege stehen.

Mein Berufswunsch ist eindeutig der Journalismus. Hierfür brauche ich ein abgeschlossenes Studium und ich bin fest entschlossen diesen Weg weiter zu gehen, auch wenn er mit einigen Schwierigkeiten und Hindernissen verbunden ist.