Mann, der mit Fingern in einem Blindenschriftbuch liest.

Egal ob wissenschaftliche Literatur oder Romane, für blinde Menschen ist die Beschaffung von Büchern in Blindenschrift oftmals schwierig oder gar unmöglich. Eine Buchhandlung für Blindenschriftbücher gibt es nicht. Zudem sind Blindenschriftbücher groß, schwer, unhandlich und meistens sehr teuer. Viele greifen alternativ auf Online-Literatur zurück oder leihen sich Bücher in einer Blindenbücherei aus.

Am Anfang meines Theologiestudiums fragte einer der Professoren in der ersten Vorlesung, wer denn die Bibel als richtiges Buch aus Papier dabei habe. Schließlich sollte ein Theologiestudent die Bibel in Papierform stets griffbereit haben. Nun gab es in der Vorlesung schon einige wenige, die ihre Bibeln mitgebracht hatten. Für alle anderen galt: Ab sofort sei die Bibel zu jeder Veranstaltung verpflichtend mitzubringen!

Während diese Aufgabe für die meisten meiner Mitstudenten wohl vergleichsweise einfach zu lösen war, wusste ich sofort, dass diese Aufgabe für mich unlösbar ist. 40 Kilogramm wiegt die Bibel und besteht insgesamt aus 30 dicken Ordnern. Ein Ordner allein ist ca. 29cm breit, 34cm hoch und etwa vier bis fünf cm dick. Dass man solch eine Bibel nicht einfach mit in den Hörsaal einer Universität mitnehmen kann, versteht sich von selbst.

Mehrere Blindenschriftbücher liegen gestapelt auf dem Tisch.

Kosten für ein Buch in Blindenschrift

Die Anschaffung von Büchern ist meist mit hohen Kosten verbunden. So kostet beispielsweise allein das Matthäus-Evangelium der revidierten Lutherbibel 2017 bereits 20€. Zum Vergleich: Die gesamte Lutherbibel in Schwarzschrift kostet derzeit etwa 25€.

Möchte man als blinder Mensch die komplette Bibel in Blindenschrift erwerben, muss man im Normalfall mehrere hundert Euro investieren.

Büchereien als Alternative

Da die Anschaffung von Blindenschriftbüchern für viele Menschen schlichtweg zu teuer ist, sind Büchereien, die Literatur in Punktschrift anbieten, eine gute Alternative, um Zugang zum Büchermarkt zu erhalten. So hat beispielsweise die

Deutsche Zentralbücherei für Blinde in Leipzig

ein vergleichsweise großes Angebot an Literatur in Brailleschrift. Hier können Bücher aus nahezu allen Genres und für alle Altersklassen entliehen werden. Andere Büchereien haben ein ähnlich großes Angebot.

Nur jedes zwanzigste Buch steht für blinde Menschen barrierefrei zu Verfügung

Obwohl das Sortiment der Blindenbüchereien stetig wächst, haben Blinde und Sehbehinderte längst nicht zum gesamten Büchermarkt Zugang. Schätzungsweise sind gerade einmal fünf Prozent des Büchermarktes so aufbereitet, dass blinde und sehbehinderte Menschen darauf zugreifen können. Hierbei sind auch EBooks und Hörbuch-Produktionen mit eingerechnet. Schaut man nur auf die Umsetzung in Blindenschrift, ist der Anteil deutlich geringer. 2016 wurden in Deutschland von etwa 90.000 Buchveröffentlichungen gerade einmal 500 Bücher in Blindenschrift übertragen.

Die Gründe für den geringen Anteil sind vielfältig. Einerseits liegen die Kosten für die Produktion eines Buches in Brailleschrift deutlich höher als bei der Produktion von Büchern in Schwarzschrift. Die höheren Kosten begründen sich vor allem dadurch, dass für die Blindenschrift deutlich mehr Papier benötigt wird. Dies liegt daran, dass Buchstaben in Punktschrift deutlich größer sind, als in der Schwarzschrift und somit deutlich mehr Platz benötigt wird. Des Weiteren muss das Papier wesentlich dicker und stabiler sein, als es in Schwarzschriftbüchern der Fall ist. Nur bei stabilem Papier lässt sich die Blindenschrift gut fühlbar und damit lesbar darstellen.

Eine weitere Schwierigkeit für die Umsetzung von Punktschriftliteratur besteht im Urheberrecht. Dies erschwert und verhindert vor allem die Umsetzung von internationaler Literatur. Abhilfe soll hier jedoch der sogenannte

Marrakesch-Vertrag

schaffen, der seit dem 01. Januar auch in Deutschland und der Europäischen Union gilt. Bisher war es so geregelt, dass barrierefreie Bücher dem nationalen Urheberrecht unterlagen und somit nicht grenzübergreifend ausgetauscht werden durften. Der Marrakesch-Vertrag sieht eine Ausnahmeregelung im Urheberrecht für die Umsetzung von barrierefreier Literatur vor, der eben jenen internationalen Austausch ermöglicht und legalisiert. Derzeit gilt der Marrakesch-Vertrag in etwa 70 Staaten.

Alternativen zur Punktschrift-literatur

Für viele Blinde und Sehbehinderte sind Blindenschriftbücher aufgrund der bereits erläuterten Schwierigkeiten keine praktikable Lösung. Es gibt mittlerweile auch einige Alternativen zur Punktschriftliteratur, die in der Regel kostengünstiger und leichter zu beschaffen sind.

Besonders vor dem digitalen Zeitalter war das Aufsprechen von Literatur auf Tonkassetten eine beliebte Methode. Im Prinzip hatte man dann die gewünschte Literatur als Hörbuch, welches man sich in den Büchereien ausleihen oder käuflich erwerben konnte. Mit dem Zeitalter der CD verlagerte sich die Produktion mehr und mehr auf jenen Tonträgern. Auch heute noch werden vor allem Magazine und Zeitschriften aufgesprochen als CD angeboten. Im 21. Jahrhundert eroberte der Computer und das Internet das Leben der Menschen und eröffnete auch für blinde und sehbehinderte Menschen völlig neue Möglichkeiten.

Bücher werden seitdem zusehends öfter auch in digitaler Form als EBook angeboten. Zwar ist nicht jedes EBook automatisch Barrierefrei für blinde und sehbehinderte Menschen lesbar, jedoch ist die Digitalisierung in jedem Falle eine positive Entwicklung mit viel Potenzial für die barrierefreie Literaturbeschaffung. Vorlesesysteme auf Computern oder mobilen Endgeräten werden immer professioneller und sind damit auch immer besser in der Lage EBooks vorzulesen.

Wissenschaftliche Literatur-beschaffung für Blinde und Sehbehinderte

Auch im Bereich der wissenschaftlichen Literatur, die man beispielsweise für das Studium an einer Universität benötigt, gibt es Fortschritte. Jedoch kann es auch hier mit unter zu großen Schwierigkeiten bei der Literaturbeschaffung kommen. Mehrere Universitäten in Deutschland haben sogenannte Literatur-Umsetzungsdienste, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Literatur, die von blinden und sehbehinderten Menschen benötigt wird, barrierefrei zu digitalisieren.

Ziel ist es, die angeforderte Literatur einerseits so aufzubereiten, dass sie in jedem Fall von Vorlesessystemen vorgelesen werden können. Blinde Menschen können das umgewandelte Dokument auch zum Verfassen von Hausarbeiten oder Abschlussarbeiten nutzen. Gibt es in einem Buch Grafiken, die für den Leser von großer Bedeutung sind, wird versucht, diese möglichst detailliert und genau in Textform zu beschreiben.

Überregional bekannt ist der Literatur-Umsetzungsdienst der Universitätsbibliothek Dortmund.

Dieser bietet einen speziellen

Online-Katalog für barrierefreie Literatur

an, auf dem man nach Registrierung zugreifen kann, auch wenn man nicht als Student an der technischen Universität Dortmund eingeschrieben ist. Derzeit verfügt der Katalog über mehr als 14.000 Werke, die in zitierfähige Form umgewandelt wurden.

Auch die Universität Kassel, an der ich seit Oktober studiere hat einen eigenen Literaturumsetzungsdienst.

Braucht ein blinder Student der Universitäte Kassel barrierefreie Literatur, kann er sich per E-Mail an den Literaturumsetzungsdienst der Universitätsbibliothek wenden und mitteilen, welche Werke umgewandelt werden sollen. Oftmals hinterlegen die Professoren am Anfang des Semesters auch einfach nur einen Reader mit der Literatur in Schwarzschrift. Auch dies kann vom Umsetzungsdienst umgewandelt werden.

Die Zukunft der barrierefreien Literatur

Das auch im 21. Jahrhundert blinde Menschen gerade mal auf 5 % der Literatur zugreifen können, ist ein Zustand, der eigentlich nicht sein dürfte. Immerhin gibt es mit dem Marrakesch-Vertrag und der zunehmenden Digitalisierung positive Impulse und Fortschritte. Diese dürfen sich in den kommenden Jahren mehr und mehr bemerkbar machen und blinden und sehbehinderten Menschen Zugang zu einem weitaus größeren Teil des Literaturangebots verschaffen. Jedoch ist der Weg noch weit.

Gerade Universitäten sollten per Gesetz dazu verpflichtet werden, Literatur, die in einem Semester benötigt wird, in barrierefreier Form anzubieten. Es gibt immer wieder Dozenten und Professoren, die einfach nur einen Reader in Schwarzschrift als Kursliteratur anbieten und sich weigern die Literatur auch digital zur Verfügung zu stellen. Dies sollte es an deutschen Universitäten meiner Meinung nach nicht mehr geben.

Auch Buchverlage müssten dazu verpflichtet werden, das publizierte Bücher auch in barrierefreier Form verfügbar sind.

Und Bücher in Blindenschrift?

Blindenschriftbücher stehen im Regal.

Meine Meinung zur Zukunft der Blindenschrift habe ich bereits

Hier

erläutert. Trotz der Schwierigkeiten, die die Anschaffung von Literatur in Blindenschrift so mit sich bringt, finde ich es immer wieder schön und angenehm einmal in einem richtigen Buch zu blättern.

Im Rahmen des Theologiestudiums bekommt jeder Student die revidierte Lutherbibel 2017 von der evangelischen Kirche geschenkt.

Mir wurde das neue Testament in Blindenschrift übergeben. Ich war sehr glücklich und überwältigt. Es ist für mich etwas ganz anderes, wenn ich die Bibel- Texte mit meinen Fingern in einem Buch lesen kann. Die digitale Welt mit ihren vielen Möglichkeiten ist schön, gut und gerade für uns blinde und sehbehinderte Menschen äußerst praktisch. Jedoch kann ein EBook nicht das Gefühl von Papier unter den Fingern, den Geruch von Papier und das Geräusch beim Umblättern einer Seite ersetzen. Ich glaube und hoffe, dass viele blinde und sehbehinderte Menschen so denken wie ich und zumindest ab und zu trotz der Umstände ein Buch in Blindenschrift kaufen und ausleihen. Die Bücher in Schwarzschrift sterben ja auch nicht aus, nur weil es mittlerweile auch EBooks gibt.

Ein Kommentar zu „Wenn die Bibel 40 Kilogramm wiegt: Über die Anschaffung von Literatur in Blindenschrift

  1. Super Artikel! Habe ich extra in meiner Instagram Story auf moabiterpflanze_mag geteilt! Das ist doch wirklich mal ein spannender Beitrag!

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