Was wäre wenn? Jeder stellt sich des Öfteren diese Frage. Ob realistisch oder nicht spielt keine Rolle, wenn wir uns ausmalen wie unser Leben anders sein könnte. Das ist auch bei mir und meiner Blindheit nicht anders. Auch wenn nach heutigem Stand der Augenmedizin nahezu ausgeschlossen ist, dass ich jemals wieder sehen werde, stellt sich mir trotzdem oft die Frage was ich machen würde, wenn ich sehen könnte. Im Folgenden habe ich deshalb eine Liste mit Dingen, die ich wegen meiner Blindheit vermisse und die ich vermutlich tun würde, wenn ich sehen könnte zusammengestellt. Und wer weiß, vielleicht kann ich ja doch eines Tages die folgenden Dinge in die Tat umsetzen.

1. Meine Frau, Familie und Freunde mit eigenen Augen sehen

Wie sehen die Mitmenschen um mich herum eigentlich aus? Wie sieht meine Frau aus wenn sie ein breites Lächeln im Gesicht hat? Und wie wenn sie traurig ist?

Solche Fragen stellen sich mir häufig. Zwar weiß ich bei meiner Familie und den engsten Freunden theoretisch grob wie sie aussehen, aber es macht einen riesigen Unterschied, ob du nur weißt, dass dein gegenüber braune Haare hat, weil man es dir erzählt hat oder ob du dein gegenüber mit eigenen Augen sehen kannst.

Könnte ich sehen würde ich mir meine Mitmenschen einmal ganz besonders anschauen. Da ich als Kind ein wenig sehen konnte, überlege ich mir manchmal, wie ein Mensch, dessen Stimme ich höre wohl aussehen könnte. Es wäre interessant herauszufinden, wie realistisch meine Vorstellungen sind.

2. Sonnenauf- und untergänge am Meer und in der Natur genießen

Naturereignisse wie ein Sonnenuntergang am Meer faszinieren die Menschen schon immer. Für mich ist ein Sonnenuntergang etwas was ich nur aus Erzählungen und Beschreibungen kenne. Der besondere und eindrucksvolle Moment, wenn sich Himmel und Meer rötlich färben bleibt mir somit verwehrt.

3. Ausgedehnte Spaziergänge zu jeder Jahreszeit machen

Jede Jahreszeit hat ihren ganz besonderen Reiz. Ob blühende Blumen im Frühling, buntes Laub im Herbst oder eine Schneelandschaft im Winter; es gibt viel zu entdecken in der Natur. Zwar kann man auch ohne zu sehen die Natur genießen, aber manches lässt sich nur visuell beobachten. Die Farbenvielfalt im Frühling und Herbst würden mich besonders interessieren.

4. In einer warmen Sommernacht Sterne betrachten

Wer liebt sie nicht, diese lauwarmen Sommernächte nach heißen Tagen? Wenn man den ganzen Tag draußen war und abends gegrillt hat?

Wie schön, wenn man dann auf einer freien Wiese entspannen kann.

Als ich noch etwas sehen konnte, hab ich mich in solchen Nächten immer gefreut, wenn ich den Mond und an manchen Tagen auch die Sterne als kleine Leuchtpunkte sehen konnte. Wenn ich jetzt sehen könnte, würde Sterne gucken am Meer oder in der Natur sicherlich zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehören.

5. Die beleuchtete Skyline von Großstädten bewundern

Großstädte werben meistens mit ihrer beeindruckenden Skyline. In meiner Vorstellung sind erleuchtete Wolkenkratzer, Glasfassaden, Schlösser oder Burgen interessant zu beobachten. Schon als Kind fand ich es immer faszinierend die Straßenbeleuchtungen von Städten zu beobachten.

6. Weihnachtsmärkte bestaunen

Die Adventszeit ist jedes Jahr besonders. In den Städten warten hell erleuchtete und weihnachtlich geschmückte Weihnachtsmärkte auf die Besucher. Aber auch zu Hause werden die Häuser mit Kerzen und Lichterketten dekoriert.

Die vielen Lichter rund um Weihnachten vermisse ich mit am meisten. Zu gerne würde ich noch einmal die vielen Lichter an Weihnachten sehen.

7. Bücher und Zeitungen lesen

Der Geruch von druckfrischem Papier und das Gefühl beim umblättern einer Seite. Alles Dinge, die für die meisten blinden Menschen Seltenheitswert besitzen. Zwar gibt es dank der Blindenschrift auch für blinde Menschen Bücher und Zeitungen, allerdings sind bisher die aller wenigsten Bücher umgewandelt. Hat man dann mal ein Blindenschriftbuch gefunden sorgen Unhandliche Größe und Gewicht nicht gerade für großes Lesevergnügen. Als Alternative bleibt dann meist nur sich die gewünschte Literatur digital von einer monotonen Computerstimme vorlesen zu lassen. Keine besonders schöne Option im Vergleich zum Lesen mit den Augen.

Des Weiteren ist es für mich eine tolle Vorstellung einfach mal in einer Bibliothek nach interessanten Büchern zu stöbern und das zu lesen, was einen interessiert und nicht nur das was zufällig gerade übersetzt ist.

8. Führerschein machen und mit dem Auto durchs Land fahren

Wer ein Auto hat ist mobil und flexibel. Und wer mobil ist, besitzt ein hohes Maß an individueller Freiheit. Nichts ist schlimmer, als an einen bestimmten Ort gebunden zu sein, weil man nicht mobil ist.

Öffentliche Verkehrsmittel geben mir zwar auch ein großes Stück Mobilität, aber nicht die Freiheit zu jeder Zeit da hinzugehen, wo ich gerade möchte. Eine gewisse Abhängigkeit bleibt bei der Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittelimmer bestehen.

9. In Fotoalben, und Instagram-Stories stöbern

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Egal ob Fotoalben oder in den Sozialen Netzwerken; Fotos und Bilder sind ein wesentlicher Bestandteil unseres Lebens. Für blinde Menschen bleibt die Bilderwelt weitestgehend verschlossen, auch wenn es mittlerweile einige Apps und Programme gibt, die sich in Bildbeschreibungen versuchen. Blinde Menschen bekommen so zumindest in groben Ansatz eine Idee von dem, was sich auf einem Foto befindet. Vergleichbar mit einer sehenden Person, die ein Bild in allen Einzelheiten anschauen kann, ist dies aber nicht.

10. Netflix & chillen

Das Serienschauen erfreut sich großer Beliebtheit. Nicht wenige verlieren sich Tage lang im Serien schauen. Für blinde Menschen sind jedoch die meisten Inhalte eher uninteressant, da es keine Bildbeschreibungen gibt.

11. Barrierefrei studieren

Endlich einmal schon zu Semesterbeginn die gesamte benötigte Literatur haben, in Seminaren und Vorlesungen ohne größere Schwierigkeiten mitkommen und mich problemlos auf dem Campus zurechtfinden. EinigeHerausforderungen im Studium wären ohne Blindheit vermutlich einfacher zu bewältigen. Studieren mit Blindheit macht mir zwar Spaß, ist jedoch nicht immer einfach.

12. Schoppen gehen und herausfinden, welcher Kleidungsstil zu mir passt

Steht mir das gelbe T-Shirt besser oder das Rote? Und welche Hose gefällt mir am meisten? Für sehende Menschen sind das ganz normale Fragen. Blinde Menschen hingegen haben es mit solchen Fragen deutlich schwieriger.

Es ist für mich selbständig kaum möglich herauszufinden, ob ein Kleidungsstück zu mir passt oder nicht. Das einzige was ich im begrenztem Maße wahrnehmen kann, ist inwiefern sich Kleidungsstücke unterschiedlich anfühlen, weil sie aus unterschiedlichen Materialien bestehen. Ob meine Kleidung farblich zusammenpasst und mir steht, weiß ich nur wenn sehende Menschen mich beraten. Selbstständig einen eigenen Style finden und damit auch ein Stück Identität ist kaum möglich.

Auch wenn das Leben mit Blindheit so manche Schwierigkeiten bereit hält, bin ich trotzdem glücklich. Die Dinge, die vielleicht schöner und einfacher wären, wenn ich etwas sehen könnte, halten mich jedenfalls nicht davon ab ein glückliches und positives Leben zu führen. Mein Leben ist nicht immer einfach und keineswegs perfekt, aber gut so wie es ist.

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